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Kuselit Rezensionen

Lothar Staud - Basiswissen der Forensischen Psychiatrie

Titel: Basiswissen der Forensischen Psychiatrie Cover
Autor: Lothar Staud
Verlag: Richard Boorberg Verlag
Ort: Stuttgart
Jahr: 2010
Seiten: 136
Preis: 21,00
ISBN: 978-3-415-04793-8
Internet: http://www.boorberg.de/
Rezensent: Dr. Axel Schwarz, Moritzburg
Quelle: Kuselit Verlag GmbH




„Ohne Ansehen der Person“


Basiswissen der Forensischen Psychiatrie.
Eine Anleitung für Juristen, Ärzte, Psychologen, Kriminalbeamte und Sozialarbeiter,
von Dr. Lothar Staud
2010, 2. Auflage, 130 Seiten, € 19,80, ISBN 978-3-415-04469-2


Diese Rezension beruht auf dem Feedback aus dem Leserkreis der ZID!


Prägnanz und Kürze sowie einige positive Besprechungen bei Kuselit und in Kreisen der Kriminologie und Polizeiwissenschaft haben dem Werk schon bald eine zweite Auflage beschert. Das Inhaltsverzeichnis ist wiederum beeindruckend. Die Verlagsinformation verspricht, das Buch werde helfen, „u.a. die medizinische Einschätzung von Straftätern zu verbessern und Fehlbeurteilungen zu vermeiden … bzw. … die Beantwortung von Fragen zur Schuldfähigkeit von Straftätern, zur künftigen Gefährlichkeit von Tätern, zum Erfordernis der Sicherungsverwahrung sowie zu Prognosen hinsichtlich der Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus oder in eine Entziehungsanstalt“ erleichtern. Genau das ist der springende Punkt! Sicher vermittelt das Werk einen Einstieg und eine Übersicht über Begriffe und Arbeitsweise der forensischen Psychiatrie. Ob es damit aber hilft, Fehlbeurteilungen zu vermeiden, ist eher fraglich. Es fördert im Gegenteil eine Zuversicht, eine scheinbare Sicherheit in der Beurteilung forensischer Fälle, die fatale Auswirkungen zeitigen kann.


Leider bestärkt Staud diese Wirkungen, wenn er (S. 9) einen „gesammelten Erfahrungsüberschlag aus mehr als 3000 psychiatrischen Gutachten für eine sehr große Zahl öffentlicher Auftraggeber … innerhalb von 25 Jahren“ vorgibt. Das würde nämlich rein rechnerisch 120 Gutachten pro Jahr entsprechen. Also jeden dritten Tag ein psychiatrisches Gutachten? Ist das möglich, erstens ohne eine langjährige Facharztausbildung in Forensischer Psychiatrie und zweitens ohne Auswirkung auf die Qualität der Gutachten?

Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe (um den früheren BGH-Richter Axel Boetticher) aus Juristen, Psychiatern, Psychologen und Kriminologen hat Mindestanforderungen für forensische Schuldfähigkeitsgutachten (NStZ 2005, 57) und für forensische Prognosegutachten (NStZ 2006, 537) entwickelt. Nur in seltenen Fällen haben diese einen Umfang von nur 30 Seiten, häufiger sind 60 Seiten, und gar nicht so selten sind bei langer Strafvorgeschichte und langem Unterbringungsverlauf solche von über 100 Seiten. Gerade von forensischen Gutachtern erwartet man, ausführlich und genau zu arbeiten. Komplizierte Fälle sind mehrfach zu durchdenken, ggfs. auch mit Fachkollegen und interdisziplinär (z.B. mit Psychologen und Rechtsmedizinern) im Rahmen einer Intervision zu besprechen, bevor die sachverständige Beurteilung erfolgt.

Da ist nichts mit Schnellverfahren und auch Übersichtskenntnisse reichen nicht aus. Man erschrickt dann doch ein wenig, wenn man aus der Justizberichterstattung von Gisela Friedrichsen zu dem Fall des später wegen erwiesener Unschuld freigesprochenen Lehrer Arnold erfährt, der u.a. auch dem Gutachter Staud sage und schreibe fünf Jahre seines Lebens unschuldig hinter Gittern verdankt. Staud hatte prognostiziert, von Arnold seien „auch in Zukunft ähnliche rechtswidrige Taten“ zu erwarten. Der Frankfurter Strafverteidiger Eberhard Kempf hat sarkastisch Staud einen Gutachter genannt, „der ohne Ansehen der Person gutachte“. Wie wären auch sonst 3000 Gutachten in 25 Jahren zu erklären?

Natürlich unterlaufen auch erfahrenen Gutachtern und Juristen Fehler. In der Ausgabe des Spiegels 22/2011 „Fehlurteile“ finden sich „Fälle bizarrer juristischer Verkennungen der Wirklichkeit“ (siehe den Kommentar von Andreas Prokop in criminologia). Statt sich gegenseitig Verantwortung zuzuschieben, sollte es eine amtliche Stelle geben, die Fehlurteile sammelt und analysiert. Diese Forderung erhebt übrigens völlig zu Recht Hans-Dieter Otto in seinem Buch „Das Lexikon der Justizirrtümer: Skandalöse Fälle, unschuldige Opfer, hartnäckige Ermittler“ (2. Auflage 2007, Blank Verlag), in dem Otto 167 Fehlurteile aus verschiedenen Zeiten und Kulturen darstellt und sich einige lesenswerte Gedanken über "Allgemeine Irrtümer zum Strafrecht" macht (Rezension von Ulrike Schwalm im Hamburger Abendblatt vom 01.09.2003).

Nur damit ließe sich eine Qualitätskontrolle erzielen, die in anderen Lebensbereichen außerhalb der Justiz längst eine Selbstverständlichkeit ist. Ein Forschungsprojekt zum Zustand der Justiz wie „Watch the Court “ an der FU Berlin“ von Martin Schwab ist äußerst lobenswert, jedoch nicht ausreichend.
Zu der Gefahr von Fehlgutachten nimmt eine fachkundige Kritik der Rezension zur 1. Auflage so überzeugend Stellung, dass diese hier im Wortlaut wiedergegeben wird:
„…, dass es insbesondere dann zu Fehleinschätzungen kommt, wenn wesentliche Informationen in der Hauptverhandlung nicht zur Verfügung stehen. Der Gutachter übernimmt in solchen Fällen die Anknüpfungstatsachen des Gerichts, die dann nur einen eingeschränkten Einblick in den Gesamtzusammenhang vermitteln können.
Deshalb hat ein Gutachter in seinem meist vorab schriftlich erstatteten Gutachten verschiedene Alternativen aufzuzeigen, nach denen die Beurteilung ggfs. unterschiedlich ausfallen könnte. Es kann aber auch vorkommen, dass sich erst während der Hauptverhandlung wesentliche Aspekte offenbaren, die in den Gesamtzusammenhang der Persönlichkeitsentwicklung eines Täters und der in Rede stehenden Tat zu integrieren sind.“

Aus „meiner …. Tätigkeit …  ist mir bekannt, dass wesentliche Informationen über Täter und Tat nicht selten erst nach der rechtskräftigen Verurteilung zu Tage treten, wenn ein Strafgefangener oder Maßregelvollzugspatient nicht mehr unter dem Druck steht, sich möglicherweise selbst zu belasten, weshalb er entweder den Mund gehalten hat oder eine „milde“ Version des Geschehens, das ihm vielleicht nicht zu widerlegen war, aufgetischt hatte. Infolge neuerer kriminaltechnischer Methoden kommt es auch immer wieder vor, dass bspw. über DNA-Abgleich lange zurückliegende Gewalttaten aufgeklärt und einem Täter zugeordnet werden können, den man bislang vielleicht nur als Täter von Eigentumsdelikten ansah und nicht auch als Sexualstraftäter, der er ist. Kriminologisch lässt sich feststellen, dass die allgemeine Kriminalitätsbelastung bei Sexualstraftätern hoch ist. Die einschlägige Rückfallrate liegt bei Sexualstraftätern zwar insgesamt niedrig, jedoch handelt es sich bei Sexualstraftätern um eine inhomogene Gruppe, deren Rückfallrisiken je nach Untergruppe sehr unterschiedlich ausfallen. Dazu gibt es eine ganze Reihe kriminologischer Untersuchungen. Gewalttäter haben sowohl bei Sexualdelikten als auch im Bereich allgemeiner Gewaltdelikte eine vielfach höhere Rückfallhäufigkeit als Nicht-Gewalttäter. Untersuchungen dazu gibt es von Harrendorf (2004) sowie von Elz (2002). Leider kennt sich nicht jeder forensische Psychiater oder Psychologe in wissenschaftlichen Rückfallstudien genau aus. Auch stelle ich immer wieder fest, dass das Wissen von forensischen Sachverständigen hinsichtlich der Diagnose von Sexualstörungen noch nicht flächendeckend ausreichend Verbreitung gefunden hat. Entsprechend finden sich dann Passagen in Urteilen, die auf den wenig kenntnisreichen Sachverständigen zurückzuführen sind.
Neben dem erforderlichen profunden Wissen über kriminologische Studien zur Rückfallforschung muss ein Sachverständiger die individuellen Rückfallrisiken des Untersuchten dezidiert abschätzen, indem er den Lebenslängsschnitt und -querschnitt, wie auch etwaige Vordelikte berücksichtigt. Wenn ein Gutachter gewissenhaft arbeitet, dann extrahiert er aus dem Akteninhalt oftmals widersprüchliche Angaben des Untersuchten, die es durch ihn jeweils in der Exploration gekonnt zu erforschen gilt. Das braucht oft viel Zeit, denn die Widersprüche liegen nicht immer auf der Hand. Besonders bei Betrugsdelikten erlebt man als Gutachter des Öfteren, dass das Umfeld des Probanden in der JVA (Mitarbeiter, Vorgutachter, Richter in ihren Beschlüssen) schon durch seine Phantasiegeschichten (in denen derjenige sich selbst oft als Opfer darstellt) getäuscht worden sind und diese falschen Darstellungen in den Verlaufsberichten der JVA oder des MRV unkritisch übernommen wurden. Es ist Aufgabe des Gutachters auch solche Berichte kritisch zu würdigen (womit sich ein Gutachter unter den Mitarbeitern in der jeweiligen JVA oft keine Freunde macht, aber das muss man als Gutachter aushalten können).

Fehlbeurteilungen geschehen u.a. aus Zeitdruck, wenn Vorbefunde nicht gründlich gelesen und kritisch gewürdigt werden, wenn fehlende Fachkenntnisse des Sachverständigen ihm keinen angemessenen roten Faden bei der Exploration geben, wenn derjenige sich selbst für unfehlbar hält, nach seinem oberflächlichen Eindruck urteilt und es bei komplexen und besonders schwierigen Fällen versäumt, sich mit kompetenten Fachkollegen auszutauschen.

Fazit: Wenn ein Gutachten nach allen Regeln der Kunst auf der Basis der zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse umsichtig arbeitet, dann ist das Risiko einer Fehlbeurteilung wesentlich geringer, aber selbstverständlich nicht ausgeschlossen. Irren ist menschlich. Es gibt noch eine ganze Reihe an Systemfehlern, die es zu verändern gilt. Manche Systemfehler hängen mit Kostenentscheidungen zusammen, manche beruhen auf Unkenntnis oder auf beidem.“

Wer sich also ernsthaft mit forensischer Psychiatrie befassen muss oder möchte, der sollte sich den profunden Publikationen führender forensischer Psychiater wie z.B.Norbert Nedopil, Hans-Ludwig Kröber und anderen zuwenden.


Dr. Axel Schwarz, Moritzburg

 

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Die Hyperlinks dieser Rezension wurden am 19.2.2012 abgerufen.