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Kuselit Rezensionen

Samuel Salzborn - Staat und Nation

Titel: Staat und Nation Cover
Autor: Samuel Salzborn
Verlag: Franz Steiner
Ort: Stuttgart
Jahr: 2011
Seiten: 241
Preis: 44,00
ISBN: 978-3-515-09806-9
Internet:
Rezensent: Dr. Axel Schwarz, Moritzburg
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

 

 

Samuel Salzborn (Hrsg.),

Staat und Nation. Die Theorien der Nationalismusforschung in der Diskussion. 2011. 241 S., 3 s/w Tab., Kartoniert,

Band 13 der Reihe Staatsdiskurse,

ISBN 978-3-515-09806-9

 

 

Bewertung:

Lesenswerte wissenschaftliche Vertiefung einer elementar wichtigen Fragestellung

Inhalt:

Nationalismus in Theorie und Praxis

Zielgruppe:

Sozialwissenschaftler, Juristen mit Interesse an Hintergrundwissen, jeder politisch bewusste Mensch

Was kann man lernen?

Einführung in die Theorie des Nationalismus und gegenwärtige Implikationen

Herausgeber / Autor

Samuel Salzborn,

Vertretungsprofessor für Demokratie- und Demokratisierungsforschung am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen

 

 

Kein Zweifel: Staaten sind unter Druck. Von innen werden sie von starken Einzelinteressen paralysiert, während gleichzeitig (oft genug simultan gesteuert) internationale Transaktionen die Souveränität nach außen verblassen lassen (Editorial Rüdiger Voigt, S. 6). Ist damit aber der Nationalismus, „das mächtigste soziale Glaubenssystem des 19. und 20. Jahrhunderts“ (Samuel Salzborn, S. 9), am Ende? Globalisierung und europäische Integration – beides massiv unterstützt von einer Parteienpolitisierung des Staatsapparates – deuten auf neue internationale Machthaber hin (vgl. Stefania Vitali, James B. Glattfelder und Stefano Battiston, „The network of global corporate control“ und Andy Coghlan and Debora MacKenzie, „Revealed – the 0800 capitalist network that runs the world“, 24. Oktober 2011 New Scientist). Gleichzeitig nehmen andrerseits weltweit die Bedeutung und vielleicht auch die Gewaltbereitschaft nationaler Bewegungen beständig zu. Auch im vereinten Europa besinnen sich Menschen insbesondere der Mitgliedstaaten, die gegenwärtig Opfer von Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung werden, auf ihre nationale Identität, um sich der bevorstehenden „Kommissarischen Diktatur“ (vgl. Albrecht von Lucke, Souverän ohne Volk: Der Putsch der Märkte, Blätter für deutsche und internationale Politik 12/2011, Seite 5-8) zu erwehren.

Was damit vor sich geht, bedarf dringend eines eingehenden wissenschaftlichen Diskurses. Das hier vorgestellte, im Steiner Verlag erschienene und von Samuel Salzborn herausgegebene Werk „Staat und Nation“ ist ein wertvoller Schritt in diese Richtung.

Im ersten Teil des Werkes (S. 17 – 98) stellen im Wesentlichen Nachwuchswissenschaftlicher sechs der wichtigsten Theorien der Nationalismusforschung vor, und zwar von

-         Karl W. Deutsch (Julia Mohr, Marktforschung für den Nationalismus?, S. 17 ff),

-         Eric J. Hobsbawm (Torben B.F. Stich, Erfundene Traditionen?, S. 29 ff),

-         Ernest Gellner (Dana Ionescu, Nationalismus schafft Nationen, S. 45 ff),

-         Miroslav Hroch (Patrick Eser, Die Entstehung moderner Nationen, S. 61 ff),

-         Anthony D. Smith (Luzie H. Kahlweiß, Ethno-Symbolismus und nationale Identitäten, S. 75 ff) und

-         Benedict Anderson (Shida Kiani, Fiktion wird Realität, S. 85 ff).

Die Beiträge des zweiten Teils des Werks (S. 99 - 238) testen unter der Überschrift „Nationen und Nationalismus im 21. Jahrhundert“ die Tragfähigkeit ausgewählter methodischer Ansätze in der Gegenwart, im einzelnen:

-       Emanuel Richter, Supranationalität und Demokratie. Überlegungen zur „post-nationalen“ Konstellation, S. 101 ff,

-       Michael Zürn, Politische Fragmentierung als Folge der gesellschaftlichen Denationalisierung?, S. 127 ff,

-       Samuel Salzborn, Ethnizität als Fundament der Nation? Zur Kritik des ethnischen Gemeinsamkeitsglaubens, S. 149 ff,

-       Wolfgang Bergem, Nation, Nationalismus und kollektive Identität, S. 165 ff,

-       Anton Pelinka, Indien als Herausforderung, S. 187 ff,

-       Thomas Schmidinger, Staat und Nation in Afrika, S. 199 ff sowie

-       Uwe Hunger, Menderes Candan und Sascha Krannich, Long-Distance Nationalism. Eine Fallstudie zu Online-Aktivitäten von Kurden in Deutschland, S. 225 ff.

Jeder Beitrag verfügt über einen eigenen Literaturnachweis. Das Werk wird abgerundet durch die Vorstellung der Autoren am Ende des Buchs. Leider erschließt sich nicht so ohne weiteres der Zusammenhang zwischen dem theoretisch orientierten ersten Teil und dem methodisch-empirischen zweiten Teil. Auch vermisst man eine zusammenfassende Bewertung der verschiedenen Beiträge.

Trotz dieser Kritik ist das Werk eine wissenschaftliche Fundgrube für jeden, dem die gegenwärtigen Verhältnisse Sorge bereiten. Für den Juristen insbesondere ist aufschlussrech, dass das Problem weitaus komplexer ist, als es die juristischen Ansätze vermuten lassen. Bei aller Globalisierung und allem Souveränitätsverlust sind Zweifel an einer „post-nationalen Konstellation“ (Richter, S. 102) wohl mehr als gerechtfertigt. Deshalb ist auch keineswegs sicher, dass „das stetig wachsende supranationale Regierungspotential … mit anderen Mitteln als den herkömmlichen Prozessen demokratischer Legitimation“ (Richter, S. 111) glaubhaft zu rechtfertigen ist. Ob wie bisher formale juristische Argumentation zur Stützung der geänderten Machtverhältnisse ausreicht oder sich bereits „subversive politische Optionen“ (Richter, S. 124) zur Rettung von Demokratie, Rechts- und Sozialstaat anbahnen, wird die Zukunft erweisen. Dem Juristen ist meist nicht bewusst, dass Begriffe wie Europa, internationale Gemeinschaft, Weltbürgerschaft, Menschheit nichts anderes als „demokratisch substanzlose Phantasien“ (Richter, S. 115) darstellen, mit denen die gegenwärtigen Zustände beschönigt werden. Ist deshalb nicht zu recht zu befürchten, dass die gewaltigen sozioökonomischen Veränderungen (Fragmentierung bei Zürn, S. 127 ff) nicht doch in Regionalismus oder Rechtsextremismus enden werden (Zürn, besonders S. 144)?

 

Dr. Axel Schwarz, Moritzburg