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Kuselit Rezensionen

Sigrid Richter - Arbeitslosigkeit, Sozialversicherungskrise, Staatsverschuldung

Titel: Arbeitslosigkeit, Sozialversicherungskrise, Staatsverschuldung Cover
Autor: Sigrid Richter
Verlag: Berliner Wissenschaftsverlag (BWV)
Ort: Berlin
Jahr: 2011
Seiten: 160
Preis: 28,00
ISBN: 978-3-8305-1917-1
Internet:
Rezensent: Dr. Axel Schwarz, Moritzburg
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

 

Reform des Sozialsystems - Ganzheitlicher Ansatz

 

 

Bewertung

Bedenkenswerter Ansatz zur Weiterentwicklung des Sozialsystems einschließlich dessen Finanzierung

Inhalt

Aktuelle Situation des Sozialsystems, Ursachen und potentielle Verbesserungsmaßnahmen – Entwicklung eines Gesamtkonzeptes

Zielgruppe

Politik, Wissenschaft, die am Gemeinwesen interessierte Öffentlichkeit

Was kann man lernen?

Mechanismen des Sozialsystems - Ganzheitliche Reform mit System


 

 

Sigrid Richter

Arbeitslosigkeit, Sozialversicherungskrise, Staatsverschuldung - Ein Gesamtkonzept

ISBN 978-3-8305-1917-1, 180 Seiten, 1. Auflage, BWV Berlin 2011, Einband kartoniert, Preis 28,00 €

 

Dass in Deutschland einiges im Argen liegt, ist offenkundig. Was von der Politik als Reformen verkauft wird, verdient kaum diesen Namen und erzeugt oft mehr Probleme als Lösungen. Was also tun? Sigrid Richter stellt sich der Herausforderung und weist den Weg aus der gegenwärtigen Misere von Arbeitslosigkeit, Sozialversicherungskrise und Staatsverschuldung. Trotz des wissenschaftlich gesehen hochkomplexen Themas legt sie besonderen Wert auf eine Sprache, die jedermann verstehen kann. Dabei werden alle wesentlichen politischen Richtungen ausgewogen berücksichtigt. Das ermöglicht dem Leser, sowohl Gegenpositionen kennenzulernen oder sich mit solchen auseinanderzusetzen als auch eigene Positionen zu hinterfragen. Denn eines ist wohl klar: Jeder Ansatz, der gesellschaftliche Verhältnisse zu bessern oder deren Verschlechterung zu hindern sucht, muss die bestehende Meinungsvielfalt und deren Wirkungen einbeziehen. Sicher wäre es ein leichteres Unterfangen, einen der Problemkreise isoliert zu behandeln. Damit gibt sich die Sigrid Richter jedoch nicht zufrieden. Sie wagt ein „Gesamtkonzept“.

 Dazu befähigt sie ihre professionelle Kompetenz. Nach klassischer Bankausbildung und einem (als Stipendiatin geförderten) wirtschafts- und naturwissenschaftlichen Doppelstudium an der Universität Hamburg, arbeitete sie am Institut für Logistik und an der Wirtschaftsakademie Hamburg auch als Stellvertretende Studienleiterin. Nach der Geburt ihres ersten von insgesamt drei Kindern führte sie ihre Dozententätigkeit (schwerpunktmäßig in den Bereichen Finanzwissenschaft und Logistik) freiberuflich weiter und entfaltete ihre Begabung zur Wissenschaftsautorin mit eigenem Blog. 2011 veröffentlichte sie das hier vorgestellte Buch, das sie auf der Leipziger Buchmesse 2012 einem breiteren Publikum vorstellte. Thema und Inhalt haben bis heute nichts an Aktualität und Brisanz eingebüßt. Dieses Buch verbindet in einzigartiger Weise sowohl Komplexität, Spezialität und Verständlichkeit als auch tiefgreifende Analyse und mutigen Fortschritt. Man kann wohl sagen, dass nichts Vergleichbares auf dem Markt ist.

 Sigrid Richter bilanziert die aktuelle Situation der deutschen Gesellschaft (Kapitel A.), erfasst deren Ursachen (Kapitel B.) und leitet daraus in der Art eines „Pflichtenheftes“ die Konsequenzen für das neue Konzept ab (Kapitel C.). Sie prüft die Brauchbarkeit bisheriger Maßnahmen und Vorschläge (Kapitel D) und geht umfänglich auf die Instrumente der Arbeitsmarkt-, Sozialversicherungs- und Finanzierungspolitik ein. Unter der Überschrift „Instrumente gegen die Arbeitslosigkeit“ (Abschnitt I.) behandelt sie die „Hartz-Gesetze“, das Wirtschaftswachstum, den „Kombi-Lohn“, den Mindestlohn, die Reduzierung der des Lohnniveaus, die Anpassung der Arbeitszeit und Qualifizierungsmaßnahmen. In Abschnitt II. stellt sie die Reformansätze der bei den Sozialversicherungssystemen (Arbeitslosenversicherung, Gesundheitswesen, Pflegeversicherung und Rentenversicherungssystem) vor. Abschnitt III. schließlich beschäftigt sich mit den Ansätzen zur Sanierung der Staatsfinanzen. Darunter werden die Regeln zur Staatsverschuldung, die Reduzierung der Staatsausgaben, die aktuelle Steuerpolitik und Steuermodelle erfasst. Jeder Abschnitt schließt mit den Erkenntnissen, die sich daraus für das neue Konzept ergeben.

 Auf dieser Grundlage entwirft Sigrid Richter das neue Konzept (Kapitel E.).  Sie hält sich dabei an ihre methodische Linie: Abschnitt I. schlägt die Neustrukturierung des Arbeitsmarktes vor, kennzeichnet das Ziel und entwickelt die dazu erforderliche Strategie, die Chancen für Arbeitnehmer und Vorteile für Arbeitgeber in sich birgt. Auch die Auswirkungen auf die Volkswirtschaftspolitik kommen dabei nicht zu kurz. Für die Reform der Sozialversicherungssysteme klärt Abschnitt II. das Ziel und die Prinzipien der Sozialgemeinschaft, entwickelt die neue Struktur der Sozialversicherungssysteme und schlägt versicherungsübergreifende Reformelemente mit spezifischen Ergänzungen vor. Abschnitt III widmet sich der Neugestaltung der Staatsfinanzen im Zusammenhang von Schulden-, Ausgaben- und Steuerpolitik. Sigrid Richter skizziert die Anforderungen an ein Steuersystem und propagiert ein neues System der direkten Steuern, das indirekte Steuern und Transferzahlungen berücksichtigt. Auch hier wird am Ende eines jeden Abschnittes die Tragfähigkeit des jeweiligen Vorschlags geprüft.

 Der Abschnitt IV. klärt schließlich, dass bzw. inwieweit das aufgestellte „Pflichtenheft“ das zuvor entwickelte Gesamtkonzept (der Abschnitte I. – III.) erfüllt. Zur Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit  gehören u.a. eine ganz spezifische Neuverteilung der Arbeit (gesetzliche Umwandlung von Vollzeitverträgen in Verträge mit jeweils halber Wochenarbeitszeit) und Qualifizierungsmaßnahmen durch eine berufliche Bildungsversicherung. Im Sozialversicherungsbereich sollten u.a. die Eindämmung von Verwaltungskosten, mehr Wettbewerb, Selbstbeteiligung und Vereinfachung ihre Wirkung nicht verfehlen. Besonders sympathisch erscheinen dabei die Maßnahmen, die das gesellschaftliche Leben kinderfreundlicher gestalten werden. Dazu gehört auch, dass über eine „Erwerbskostenpauschale“ nicht nur die Hausarbeit, sondern auch die Erziehungsleistungen  als eigenständige Berufstätigkeit anerkannt werden. Im Krankenversicherungsbereich sollte das Abrechnungssystem durch die Einbeziehung des Patienten in die Abrechungskontrolle verbessert werden. Zahlreich sind auch die Vorschläge zur Verbesserung der Staatsfinanzen und Verhinderung von Steuerverschwendung. Die Autorin empfiehlt u.a. die schrittweise Annäherung an einen optimalen Steuersatz, den sie vorsichtigerweise auf 20% schätzt.

Im Resümee äußert sich Sigrid Richter durchaus optimistisch, was die Lösung der gesellschaftlichen Probleme angeht. Darin ist ihr uneingeschränkt zuzustimmen. Jeder an einem funktionsfähigen Gemeinwesen interessierte Mensch sollte sich mit den Thesen dieses Buches auseinandersetzen.

Dr. Axel Schwarz, Moritzburg