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Kuselit Rezensionen

Heimes, Claus - Politik und Transzendenz

Titel: Politik und Transzendenz
Autor: Heimes, Claus
Verlag: Dunker Humblot
Ort: Berlin
Jahr: 2009
Seiten: 218
Preis: 82,-- €
ISBN: 978-3-428-82599-8
Internet: www.duncker-humblot.de
Rezensent: Schwarz, Axel
Quelle: Kuselit Verlag GmbH


„Lasst euch nicht durch niemand und auf keine Weise täuschen!“

 

Bewertung

Wichtiger und aktueller Beitrag zum Verständnis von Religion und Politik

Inhalt

Wert religiöser, transzendenter Erfahrung für das Zusammenleben bei Carl Schmitt und Eric Voegelin

Zielgruppe

Jeder an philosophisch-politisch-religiösen Fragen Interessierte

Was kann man lernen?

Ähnlichkeiten und Unterschiede der Unergründbarkeit grundsätzlichster Überzeugungen bei Carl Schmitt und Eric Voegelin

 

Die meisten modernen Menschen, danach befragt, was sie die Transzendenz angehe, würden ganz spontan antworten: „Nichts“. So würden wohl auch die meisten der heutigen Juristen reagieren. Könnte man es ihnen verdenken? Sowohl Anwälte als auch Verwaltungsjuristen glauben, ein mehr oder weniger gehobenes Handwerk auszuüben und gegebene Vorschriften auszulegen[1] und anzuwenden[2]. Man mag die Kunst die Technik der „Rechtsverdrehung“ bewundern oder verfluchen. Gegenüber dem früheren Zustande, als „Recht war, was dem Volke nützt“, ist es heute unbestreitbar besser, nachdem man sich immerhin auf Menschenrechte und Grundwerte berufen und mit etwas Geschick nahezu jedes Ergebnis begründen kann. Das ist nachgerade das Wichtigste: die Begründung und die Begründungstechnik, wie überhaupt die Technik in allen Bereichen die Wissenschaft zu „kolonialisieren“ scheint. „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen, aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“[3] Bereits Kelsen scheiterte mit seinem Versuch, die Rechtswissenschaft von allem jenseitigen, transzendenten Denken zu befreien und die das den juristischen Begründungen selbst zugrunde liegende Denken anderen Wissenschaftszweigen zuzuweisen. Dass nur noch die positive Norm Gegenstand der Rechtswissenschaft sein sollte, brachte ihm Hermann Hellers[4] Vorwurf der „entleerten Nomokratie“ ein (S. 19). Entsprechend sah Kelsens ehemaliger Doktorand,  Eric Voegelin, das Problem des Rechtspositivismus in dessen fehlender Anbindung an die Realität[5] (S. 20, 27 f).

Darin sehen die bedeutendsten politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, darunter auch Carl Schmitt[6] und Eric Voegelin[7], ein Problem, dem sich die hier vorgestellte Dissertation von Claus Heimes stellt. Heimes wirft erneut die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Religion und Politik auf (S. 11), die heute durch politischen Islam und christlichen Fundamentalismus ins öffentliche Bewusstsein gerückt wird. Die Ähnlichkeit theologischer rund religiöser Begriffe ist unverkennbar: So entsprechen der Allmacht Gottes der absolutistische Souverän, der Dreifaltigkeit die Gewaltenteilung und dem Reich Gottes u.a. die Republik usw.[8] Bei Heimes ersetzt der Begriff der Religion praktisch denjenigen der Transzendenz (S. 12). Mittels Carl Schmitts und Eric Voegelins antipositivistischer Staatslehre sucht er ins Innere des Denkens vorzudringen und damit die wesentlichen Entscheidungsstränge der Moderne zu analysieren (S. 168, Kapitel 2 – 4). Für Voegelin stellt die Idee den Versuch dar, die unbeherrschbare und unberechenbare Welt zu erklären: Ideen sind nicht richtig oder falsch, weshalb man sie auch nicht wissen, sondern allenfalls für wahr halten kann. Carl Schmitt dagegen rückt den Begriff des „Politischen“ in das Zentrum der Staatslehre (S. 29). Das Politische selbst ist für ihn kein Gegenstand, sonder vielmehr eine Unterscheidung von z.B. Gut und Böse, Nützlich oder Schädlich, Freund oder Feind (S. 30). Schmitt und Voegelin ziehen gleichermaßen den autoritären Staat (der Nationalsozialisten) einer sozialistischen Machtübernahme vor (S. 40). Für beide formieren die politischen Ideen die konkrete Sinneinheit des Volkes (S. 41). Was genau darunter verstanden werden soll, wird von beiden teilweise ähnlich und teilweise unterschiedlich beantwortet. Bei Carl Schmitt spielt der schillernde Begriff des „Katechon“ eine Rolle (S. 67 ff), der in etwa George Bushs Kampf gegen das Böse entsprechen dürfte. Seine Katechontik entstammt dem 2. Thessalonicherbrief, in welchem Paulus die Gemeinde auffordert: „Lasst euch nicht durch niemand und auf keine Weise täuschen!“ (S. 69). Carl Schmitt weiß natürlich, dass alle politischen Begriffe einen polemischen Sinn haben (S. 73), weshalb es ihm auch ein Leichtes ist, seine Verstrickung in den Nationalsozialismus als „Beschleuniger wider Willen“ abzuwiegeln (S. 75). Sein Geschichtsbild war eschatologisch, d.h. ausgerichtet auf das Endschicksal des Menschen und der Welt und damit auf den Sieg des Guten über das Böse. Mit einer leichten Akzentverschiebung ist man bei Marx und seiner „Geschichte als Klassenkampf“, die in der klassenlosen Gesellschaft münden sollte, oder noch schlimmer bei Houston Stewart Chamberlain[9] und dessen Geschichte der Rassenkämpfe mit der rassereinen Gesellschaft. Das Schauerliche daran ist wohl, dass der christliche Kampf gegen den Antichristen wahrscheinlich mehr Menschen das Leben gekostet hat als alle anderen Theorien und Religionen zusammengenommen.

Eric Voegelin sah den Sinn der Wissenschaft in der „Suche nach der Wahrheit“, wozu allerdings totalitäre System nicht in der Lage seien (S. 80). So wie Gott aus dem Chaos den Kosmos geschaffen habe, so schaffe der Mensch sein „Kosmion“, sprich Ordnung (S. 86), die er im Spannungsfeld zwischen menschlichen und Göttlichen finde (S. 94).Diesen Bereich zwischen Gott und Mensch nennt Eric Voegelin „metaxy“ und dort sei auch die eschatologische, auf Gott gerichtete Struktur der Geschichte zu finden.

Heimes folgert daraus, dass Schmitt wie Voegelin ihr gesamtes Ordnungsdenken auf göttlich offenbartes Wissen aufbauen. Die Nähe zu Gott soll über die Fähigkeit entscheiden, Ordnung zu errichten. Er erkennt durchaus, dass derartige Gedankengänge jeglicher Überprüfbarkeit entbehren (S. 124). Dennoch hält er es mit Heinrich Meier, wonach die politische Theologie ihre Sicherheit im Glauben findet, während die politische Philosophie, die die Frage nach dem Richtigen auf dem Boden menschlicher Weisheit zu beantworten sucht, scheitern müsse (S. 126). Die Geschichte der Moderne stellt sich deshalb für Heimes als Geschichte der „Immanentisierung“ dar (S. 131 ff), da sie auf das göttliche Ordnungsdenken verzichte. Damit lassen sich seiner Meinung nach Möglichkeits- und Machbarkeitstheorien totalitärer Systeme erklären.

Das Werk von Claus Heimes ist ein wichtiger und aktueller Beitrag zum Verständnis von Religion und Politik. Zusätzlich provoziert es zu weiteren Diskussionen und kontroversen Debatten. Denn es bleibt letztlich offen, warum die göttliche Offenbarung leistungsfähiger sein soll als die wissenschaftliche Erkenntnis. Für beide Formen gilt gleichermaßen, dass das Transzendente unverfügbar, grundlos, unableitbar und unerklärbar ist und bleibt.[10] Weltliche Wissenschaft lässt mit sich reden, göttliche Offenbarung nicht. Wissenschaftliche Heilslehren lassen sich als Manipulation entlarven, göttliche Offenbarungen nur selten.

 Dr. Axel Schwarz, Moritzburg



[1] Vgl. Soeben Christian Walz, Das Ziel der Auslegung und die Rangfolge der Auslegungskriterien, ZJS 4/2010, 482 – 490, http://www.zjs-online.com/dat/artikel/2010_4_348.pdf.

[2] Vgl. „Grenzgänger“, Rezension zu Hans-Georg Gadamer: Gesammelte Werke, Bände 1–10 (in Kassette), Berlin, 1995; http://www.kuselit.de/rezension/15601/Gesammelte-Werke.html und ZID 18/2010 unter Nr.27, http://www.kuselit.de/zid/pdf/201018.pdf.

[3] Walther Ch. Zimmerli: Kolonialisierung – neu betrachtet. Aspekte einer Philosophie der technologischen Zivilisation. Der Felsen, an den unser Denken geschmiedet ist, Information Philosophie, Heft 3/2010, S. 7 – 16.

[4] Siehe die Rezension Volkssouveränität im „Fuchsbau“ zu:  Komorowski, Alexis von, Demokratieprinzip und Europäische Union. Staatsverfassungsrechtliche Anforderungen an die demokratische Legitimation der EG-Normsetzung. Schriften zum Europäischen Recht (EuR) 148, Berlin 2010,  Duncker & Humblot, ZID 33/2010 unter Nr. 25, http://www.kuselit.de/zid/pdf/201033.pdf.

[5] Als Beispiel einer realitätslosen Theorie sei hier auf die von Rechtsquelle verwiesen, welche die durch den Rechtsanwender und Richter tatsächlich herangezogenen Quellen einfach nicht zur Kenntnis nimmt, vgl. „Richterrecht und Rechtsquelle“, Rezension zu Konrad Walter, „Rechtsfortbildung durch den EuGH. Eine rechtsmethodische Untersuchung ausgehend von der deutschen und französischen Methodenlehre.“ Schriften zum Europäischen Recht (EuR) 142, Duncker & Humblot 2009, ISBN 978-3-428-12817-4, http://www.kuselit.de/rezension/15717/Rechtsfortbildung-durch-den-EuGH.html.

[6] weltweit einer meistgelesenen deutschen Autoren, so Markus Kerber, in Carl Schmitt: Aus dem Leben eines Verfassungsfeindes. Rezension: Reinhard Mehring, Carl Schmitt. Aufstieg und Fall. Eine Biographie, München 2009, (Frau Dr. Anja Wilder freundschaftlich gewidmet), Recht und Politik (RuP) 3/2010, 176. Siehe auch die Reihe „SCHMITTIANA. Beiträge zu Leben und Werk Carl Schmitts“, hrsg. von Prof. Dr. P. Tommissen, die ab Band 4 bei Duncker & Humblot verlegt wird.

[7] Zu dessen gewaltigen Werk siehe http://www.lrz.de/~voegelin-archiv/deutsch/publikationen_occ_papers.htm.

[8] Siehe Schema 1 bei Henning Ottmann, „Politische Theologie als Begriffsgeschichte. Oder: Wie man die politischen begriffe der Neuzeit politisch-theologisch erklären kann“, in Volker Gerhardt (Hg.), Bedingungen und Gründe politischen Handelns, Stuttgart 1990, S. 187.

[9] 1855 bis 1927, Verfasser pangermanischer und antisemitischer Werke.

[10] Thomas Rensch, „Heidegger und Wittgenstein. Existential- und Sprachanalysen zu den Grundlagen philosophischer Anthropologie“, Stuttgart: Klett-Cotta, 2. Aufl. 2003, S. 461.