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Kuselit Rezensionen

Hiram Kümper - Sachsenrecht, Studien zur Geschichte des sächsischen Landrechts in Mittelalter und früher Neuzeit

Titel: Sachsenrecht, Studien zur Geschichte des sächsischen Landrechts in Mittelalter und früher Neuzeit Cover
Autor: Hiram Kümper
Verlag: Duncker & Humblot
Ort: Berlin
Jahr: 2009
Seiten: 778
Preis: 138,00
ISBN: 978-3-428-13093-1
Internet:
Rezensent: Schwarz, Axel
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

 

Hiram Kümper 

Sachsenrecht, Studien zur Geschichte des sächsischen Landrechts in Mittelalter und früher Neuzeit. Schriften zur Rechtsgeschichte (RG) 142

Dunker & Humblot Berlin 2009

S. 778, 138,00 EUR

ISBN 978-3-428-13093-1


Der Sachsenspiegel (um 1230) des Eike von Repgow ist eine der bedeutendsten Quellen europäischer Rechts-, Sprach- und Kulturgeschichte und entsprechend „gigantisch“ (S. 14) ist die wissenschaftliche Fachliteratur.[1] Hans Christoph Hirsch gibt mittlerweile den Sachsenspiegel als eBook heraus.[2] Den modernen gesamteuropäischen Zusammenhängen geht seit 2003 das Forschungsvorhaben "Das sächsisch-magdeburgische Recht als kulturelles Bindeglied zwischen den Rechtsordnungen Ost- und Mitteleuropas" an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig nach. Erste Ergebnisse sind 2008 von Ernst Eichler  und Heiner Lück als Band 1 der Reihe „Ivs Saxonico-Maidebvrgense in Oriente“ unter dem Titel „Rechts- und Sprachtransfer in Mittel- und Osteuropa. Sachsenspiegel und Magdeburger Recht“ herausgegeben worden.[3]

In diesem Kontext unterzieht Hiram Kümper detailgenau die über mehrere Jahrhunderte andauernde Wirkung des Sachsenspiegels, die dazu gehörenden handschriftlichen Überlieferungen, die Rezeption in anderen Rechtsaufzeichnungen einschließlich der Anwendung in Schöffensprüchen und anderen Gerichtsaufzeichnungen einer eigenen wissenschaftlichen Untersuchung. Kümpers Sachsenrecht ist ganz umfassend, fast paneuropäisch, örtlich und zeitlich über die Grenzen seines sächsischen Entstehungsraumes und über das Mittelalter ausgreifend. Es besteht nicht nur aus den Normen des gemeinen Sachsenrechts, der landüblichen, landläufigen Sächsischen Rechte, die sich auf den Sachsenspiegel gründen. In den Sächsischen Ländern Albertinischer u. Ernestinischer Linie genießen diese als ein gemeines Recht Vorzug vor dem Römischen Recht und beeinflussen bekanntermaßen auch das Magdeburger Weichbildrecht und das in den Rechtsbüchern enthaltende Recht in Westfalen, Friesland, Hessen, Brandenburg, Pommern, Lausitz, Schlesien, Böhmen und Mähren.

Hiram Kümper stellt (Teil B, über 130 Seiten) den Forschungsstand zu Ort und Zeit der Abfassung des Sachsenspiegels sowie dessen lateinischer Vorlage, den "Mühlhäuser Reichsrechtsbruch", zu den Quellen, Rechtssprichwörtern, die handschriftlichen Überlieferungen, Landrechtsglossen und zu verschiedenen Erschließungshilfen dar, spürt dem "Gedankengang des Sachsenspiegels" nach und behandelt die Sächsische Weltchronik sowie die Beziehungen zwischen Sachsenspiegel und sächsischem Lehnrecht. Kümpers Wirkungs- und Literaturgeschichte des Sachsenspiegels und des Gemeinen Sachsenrechts (Teil C, fast 130 Seiten) umfasst den Zeitraum zwischen dem 13. und dem 20. Jahrhundert. Ganz ausführlich stellt er die Erscheinungsformen der Sachsenspiegel-Rezeption in einzelnen Deutschen Rechtsbüchern (Teil D, ca. 150 Seiten). Hier reihen sich ein

-         Breslauer Landrecht,

-         Holländischer Sachsenspiegel,

-         Berliner Schöffenrecht,

-         Neumarkter Rechtsbuch,

-         Löwenberger Rechtsbuch,

-         Livländischer Spiegel Land- und Lehnsrechts,

-         Oberdeutscher  Sachsenspiegel,

-         Deutschenspiegel,

-         Schwabenspiegel (mit französischen, tschechischen und lateinischen Übersetzungen,

-         Elbinger Rechtsbuch (Preußen),

-         Welfische und andere Kompilationshandschriften,

-         Kleines Kaiserrecht, Magdeburger Rechtsbücher und Magdeburger Recht (auch in Schlesien und Polen, Preußen und Deutschordensland, Ukraine, Litauen, Belorussland, Böhmen, Mähren, Slowakei, Rumänien und Ungarn),

-         Zwickauer Rechtsbuch,

-         Meißner Rechtsbuch,

-         Eisenacher Rechtsbuch,

-         Rechtsbuch des Johannes Purgoldt,

-         Weißenfelser Rechtsbuch,

-         Saalfelder Rechtsbuch,

-         Salzwedeler Rechtsbuch (Altmark),

-         Glogauer Rechtsbuch,

-         Troppauer Rechtsbuch,

-         Prager Rechtsbuch,

-         Silleiner Rechtsbuch,

-         Herforder Rechtsbuch und

-         verschiedene Sammelhandschriften.

 

In den rezeptionsgeschichtlichen Analysen zur Charakteristik und zu einzelnen Rechtsinstituten der sächsischen Rechtsbücher (Teil E, rund 80 Seiten) leistet Kümper durch eine von ihm erstellte Rechtsbücherkonkordanz (Anhang I, S. 571 ff) sowie durch eine Auswahl an hervorstechenden Aspekten und Rechtsfiguren (wie Technik und Stil, religiöse Vorstellungen, Grundideen, Güterrecht, Strafrecht und Strafverfahren, Reich, Kirche und Welt)  einen eigenständigen Beitrag zur Rechtsbücherforschung.

Die Hauptbedeutung dieses monumentalen Werkes wird sicher in dem damit erstmals vorliegenden Zugriff zu einem Repertorium (Register) des sächsischen Rechts zu sehen sein. Kümper nennt dies – unter Anspielung an Konrad Beyerle (1872 – 1933) den Zugriff auf den „Beyerleschen Aktenschrank“ (S. 568). Mit Hilfe dieses Repertoriums sind weitere interessante Forschungsergebnisse zu erwarten, die Aufschluss über die gemeinsamen Wurzeln der europäischen Rechte geben werden.

Darüber hinaus leistet Kümpers Sachsenrecht jedoch einen weiteren Beitrag zur aktuellen Rechtstheorie und -anwendung, freilich ohne dies explizit anzusprechen. Betrachten wir dazu die Umstände der Entstehung des Sachsenspiegels: Dass Eike von Repgow der Verfasser des  Sachsenspiegels ist, steht wohl außer Frage, ebenso, dass er vom Grafen Hoyer von Falkenstein in irgendeiner Form (Einzelheiten sind nicht bekannt) unterstützt wurde. Eike von Repgows Arbeit stellte dabei keine reine Wiedergabe (oder Übersetzung bzw. Spiegelung) bestehenden Rechts dar, sondern enthält zusätzlich – auch davon darf man heute wohl ausgehen – seine eigene („willkürliche“, S. 68) Auffassung. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Denn zu den Charakteristika des Rechtsbuchbegriffs scheinen private Veranlassung bzw. private Entstehungsgründe zu gehören (S. 22). Kümper diskutiert alle Facetten des Rechtsbuchbegriffs, die von „kulturellem Text“ (S. 25) „Spiegelmetapher“ (S. 26), „Kodifizierung“ (S. 34), „Privatarbeit“ (S. 35), „gesetzesähnlicher Geltung“ (S. 38, „nicht normativem Text“ (S. 40), „autoritativem Lehrbuch“ (S. 44) bis hin zum „Gewohnheitsrecht“ (S. 49) reichen! Nichts ist gesichert, außer der rechtschöpferischen Kraft des Eike von Repgow, der damit zumindest teilweise „über die Stränge“ zu schlagen scheint (S. 51). Wenn Recht auf diese Weise historisch entstanden ist und entsteht, dann muss dies die herrschende Rechtsquellentheorie erschüttern. Wenn diese bei der Erklärung moderner gesamteuropäischer Erscheinungen versagt,[4] scheint diese Unzulänglichkeit nichts Neues zu sein, wie der Blick in die Rechtsgeschichte zeigt. Das wiederum bedeutet, dass rechtsgeschichtliche Forschungen (wie Kümpers Sachsenrecht) ganz aktuell und wichtig sind zum Verständnis des geltenden Rechts.

 

 Dr. Axel Schwarz, Moritzburg

 


[1] Eine Bibliographie dazu vom gleichen Autor ist im Verlag Traugott Bautz GmbH erschienen: Kümper, Hiram: Sachsenspiegel. Eine Bibliographie - mit einer Einleitung zu Überlieferung, Wirkung und Forschung, Nordhausen 2004, ISBN 978-3-88309-148-8. Zu Forschungen aus dem 19. Jahrhundert siehe http://www.peter-hug.ch/lexikon/sachsenrecht.

[2] Eike. Der Sachsenspiegel (Landrecht), Hrsg. v. Hirsch, Hans Christoph, ISBN 978-3-11-126556-8.

[3] Rezensiert von Hiram Kümper, in Neues Archiv für die Sächsische Geschichte 80/200980 (2009), S. 306-307.

[4] Vgl. „Richterrecht und Rechtsquelle“, Rezension zu Konrad Walter, „Rechtsfortbildung durch den EuGH. Eine rechtsmethodische Untersuchung ausgehend von der deutschen und französischen Methodenlehre.“ Schriften zum Europäischen Recht (EuR) 142, Duncker & Humblot 2009, ISBN 978-3-428-12817-4, http://www.kuselit.de/rezension/15717/Rechtsfortbildung-durch-den-EuGH.html.