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Kuselit Rezensionen

Hans Georg Gadamer - Gesammelte Werke

Titel: Gesammelte Werke Cover
Autor: Hans Georg Gadamer
Verlag: Universitäts Taschenbuch
Ort: Stuttgart
Jahr: 1999
Seiten: 4657
Preis: 89,00
ISBN: 978-3-8252-2115-7
Internet: www.utb.de
Rezensent: Dr. Axel Schwarz, Moritzburg
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

 

Grenzgänger[i]

 

In weniger als 10 Jahren nach dem Tod von Hans-Georg Gadamer (11. Februar 1900 bis 13. März 2002), dem Begründer der universalen Hermeneutik (Theorie von Auslegung und Verstehen) hat das Thema eine geradezu dramatische Bedeutung erlangt. Die moderne Internetgesellschaft missversteht sich allzu gerne als Wissensgesellschaft[ii] und scheint sich allmählich damit abzufinden, tagein tagaus von Medien und Politik verführt, getäuscht, belogen und betrogen zu werden, indem in wissenschaftlich bis ins Detail geplanter Manier das „Vorurteils-Wissen“ der Menschen genutzt und bestätigt und die Wahrnehmung von Nichtwissen verhindert wird. Im Factsheet 73[iii]: „Media Literacy“ vom 29 September 2009 nimmt sich die EU Kommission des Problems an, wie der Inhalt jedweder Information kritisch hinterfragt werden kann[iv]. Ihre Leitlinien (guidelines) greifen jedoch etwas zu kurz, indem sie schlicht suggerieren, man müsse nur verstehen, wie und warum Information (media content) hergestellt werde, und zudem in der Lage sein, die Vertrauenswürdigkeit der Informationsquelle einzuschätzen.[v] Das ist leichter gesagt als getan, aber dennoch: Der Ansatz ist richtig und zu unterstützen.

Den Grundstein dazu hat Hans-Georg Gadamer gelegt, dessen gesammelte Werke in der Jubiläumsausgabe zum 100. Geburtstag (UTB S 2115) vom Mohr Siebeck Verlag 1999 herausgegeben wurden, und zwar zu einem unschlagbaren Preis von nur 89 Euro. Sie enthalten auf 4579 Seiten

-          Band 1: Hermeneutik I: Wahrheit und Methode: Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, 6. durchgesehene Auflage, 1990. XII, 494 Seiten.

-          Band 2: Hermeneutik II: Wahrheit und Methode: Ergänzungen, Register
2. durchgesehene Auflage, 1993, 533 Seiten.

-          Band 3: Neuere Philosophie I: Hegel, Husserl, Heidegger
1987. XI, 444 Seiten.

-          Band 4: Neuere Philosophie II: Probleme, Gestalten
1987. IX, 498 Seiten.

-          Band 5: Griechische Philosophie I
1985. VIII, 386 Seiten.

-          Band 6: Griechische Philosophie II
1985. VI, 341 Seiten.

-          Band 7: Griechische Philosophie III: Plato im Dialog
1991. VIII, 472 Seiten.

-          Band 8: Ästhetik und Poetik I: Kunst als Aussage
1993. IX, 451 Seiten.

-          Band 9: Ästhetik und Poetik II: Hermeneutik im Vollzug
1993. IX, 479 Seiten.

-          Band 10: Hermeneutik im Rückblick
1995. IX, 479 Seiten.

Hermeneutik durchzieht unser gesamtes Leben, wo immer Ereignisse, Texte und mündliche Schilderungen interpretiert werden. Einer der großen Bereiche neben Literatur und Religion ist die Jurisprudenz, die ihrerseits wieder in praktisch alle Lebensbereiche eingreift. Einige Bereiche sind meist gar nicht bewusst, so zum Beispiel die hermeneutische Diagnostik in der Kinder- und Jugendhilfe[vi], oder aber die Rechtsfortbildung durch die Verwaltung[vii]. Andererseits wird momentan die Rechtsfortbildung durch den EuGH heiß diskutiert, im juristischen Alltag jedoch meist ohne die wissenschaftlichen Grundlagen des Interpretationsprozesses zu reflektieren. Der juristische Alltag nimmt Interpretation meist als Selbstverständlichkeit hin und Selbstverständliches wird bekanntermaßen kaum bewusst wahrgenommen. Mit Johann Wolfgang von Goethes Aufforderung  in den "Zahmen Xenien":

„Im Auslegen seid frisch und munter!

Legt ihr's nicht aus, so legt was unter.“

geben wir uns heute zwar nicht mehr zufrieden. Dennoch: Nach der Rechtsprechung des BGH sind alle (auf Savigny zurückzuführenden) Auslegungsmethoden gleichberechtigt. Warum wir uns also letztlich für das eine oder andere Ergebnis entscheiden, bleibt regelmäßig im Dunkel. Damit ist das Vorverständnis angesprochen, dem Gadamer eine zentrale Rolle zuweist, da er im Gegensatz zu Max Weber einen konsequenten Teilnehmerstandpunkt vertritt.[viii] Die wissenschaftlichen Erklärungsansätze umfassen nahezu alles, was irgendwie denkbar ist,

  1. von der Behauptung, Hermeneutik sei die Kunst, aus einem Text herauszukriegen, was nicht drinstehe,[ix]
  2. über die gängigen Vorstellungen, man könne zwischen Anwendung, gesetzesergänzender Rechtsfortbildung („präter legem“) und gesetzesübersteigender Rechtsfortbildung („contra legem“) unterscheiden[x], und schließlich
  3. der Vergleich mit dem Zylinder eines Zauberers, dem man auch nichts entnehmen kann, was nicht vorher bereits darin war (Friedrich Müller).

 

Juristisches Verstehen steckt in einer Reihe von Dilemmata[xi], die wie eine Naturgesetzmäßigkeit daherkommen und in der Praxis nicht weiter hinterfragt werden: Diese beginnen mit der Frage nach dem Inhalt eines Rechtstextes und beklagen das Fehlen einer geschlossenen Kette von Auslegungsargumenten ebenso wie den gleichen Rang grammatikalischer, logischer, systematischer, historischer und teleologischer Interpretationsmethoden. Alle Aspekte der Hermeneutik wie Objektivität und Einheit des Werkes, Genetik und Sachbedeutung des Textes und Vergleich mit anderen ähnlichen Texten sind grundsätzlich gleichberechtigt. Sie bilden den hermeneutischen Zirkel, der im dialektischen Dreischritt das Verständnis auf eine höhere Ebene hebt.[xii]

Entsprechend kann (mit Radbruch)  der Rechtstext (selbst derjenige der Verfassung) klüger sein als der Verfassungsgeber und der Ausleger klüger als beide – und niemand weiß so recht warum! Gleichwohl zweifelt niemand mehr ernsthaft am Unterschied zwischen Normtext und Norm, wenn auch nicht jeder so weit geht, jegliche „logische oder empirische Brücke“ zwischen ursprünglich kodiertem und dann rekonstruiertem geistigen Inhalt zu leugnen. [xiii]

Verstehen und Auslegen ist nicht nur Anliegen der Wissenschaft, sondern gehört schlechthin zur menschlichen Welterfahrung (I 1, II 301). Deshalb ist Gadamer wichtig für die Jurisprudenz. Sachverhalt und Rechtstext, Umgangs- und Fachsprache beschäftigen unablässig jeden Juristen gleich welcher Fachrichtung. Die damit verbundenen Probleme sind nicht mit Methode allein zu bewältigen, sondern verlangen darüber hinaus ein Können, das Gadamer „Feinheit des Geistes“ nennt. Gadamer (I 312) unterscheidet subtilitas intelligendi (Verstehen), subtilitas explicandi (Auslegen) und subtilitas applicandi (Anwenden) und beleuchtet die Verwandtschaft geisteswissenschaftlicher und juristischer Hermeneutik (I 330). Während noch Savigny (I 332) in der juristischen Hermeneutik eine rein historische Aufgabe sah, beschränkt sich heute nicht einmal der Rechtshistoriker darauf, nur den ursprünglichen Sinn eines Gesetzes erkennen zu wollen. Wie soll man aber einen Rechtstext „richtig“ verstehen, wenn es keine Regeln für den vernünftigen Gebrauch von Regeln gibt (II 307 unter Hinweis auf Kants Kritik der Urteilskraft). Hinzu kommt, dass jedes juristische Urteil selbst eine „neue Realität“ (II 310) schafft. Schon das Auffinden des „passenden“ Paragraphen beruht schon auf einer das Recht fortbildenden Entscheidung. Wenn wir uns bei diesen Vorgängen auf die „Vernunft“ berufen, sollten wir es nicht damit bewenden lassen, sondern zu bestimmen versuchen, was „in solcher Entscheidung“ Vernunft heißt (II 427).

Zum Umgang mit diesen Fragen brauchen wir Gadamers Hermeneutik! Sie lehrt uns zu verstehen, was und warum uns etwas fremd oder vertraut erscheint, insbesondere außerhalb unserer eigenen Erfahrungswelt, durch Geschichte, Tradition, Texte, Völker und Normen aller Art. Gadamers Hermeneutik bereichertt gerade Juristen mit zahlreichen Möglichkeiten, Welt und Individuum, sich selbst und andere in einem ständig sich wandelnden Kontext zu verstehen.[xiv]

 

Dr. Axel Schwarz, Moritzburg



[i] Entnommen dem Essay „Die Kunst des Verstehens“ des „Philosophisches Forum - Praxis für Kulturphilosophie - Dr. Peter Vollbrecht“, http://www.philosophisches-forum.de/Essays_Artikel/Kunst_des_Verstehens/kunst_des_verstehens.html.

[ii] Vgl. z.B. den Beitrag von Michaela Strasser „Macht und Ohnmacht der Wissensgesellschaft“ in Bernd Schünemann / Marie-Theres Tinnefeld / Roland Wittmann (Hrsg.), Gerechtigkeitswissenschaft, 2005, Berliner Wissenschaftsverlag, rezensiert im Kuselit-Projekt unter dem Titel „Spaß am Nachdenken“ unter http://www.kuselit.de/rezension/15257/Gerechtigkeitswissenschaft.html.

[iii] http://ec.europa.eu/information_society/newsroom/cf/itemdetail.cfm?item_id=5272

[iv] Der Volltext ist verfügbar unter: http://ec.europa.eu/information_society/doc/factsheets/073-media-literacy.pdf

[v] Media Literacy, Seite 1„All users need to understand how and why media content is produced and need to be able to evaluate how trustworthy different sources are.”

[vi] Vgl. Michael Zimmermann-Freitag, „Zur Praxis einer Psychologisch-Hermeneutischen-Diagnostik“, http://www.vae-ev.de/PDF/Psychologisch-Hermeneutische-Diagnostik.pdf; dazu auch Christoph Keller, „Häusliche Gewalt und Gewaltschutzgesetz. Leitfaden für polizeiliches Handeln“, Stuttgart, Richard Boorberg Verlag, 2008, S. 16 ff, vgl. auch die entsprechende Kuselit-Rezension unter http://www.kuselit.de/rezension/15198/Haeusliche-Gewalt-und-Gewaltschutzgesetz.html.

[vii] Weimar, Robert, „Rechtsfortbildung durch die Verwaltung“, Die öffentliche Verwaltung (DÖV) 22/2009, 932 – 938.

[viii] Zur allgemeinen Hermeneutik und zur Zirkelstruktur des Verstehens siehe Philippe Mastronardi, „Juristisches Denken“, UTB 2267, Bern-Stuttgart-Wien, 2007, RZ 38 ff!

[ix] Odo Marquard, „Frage nach der Frage, auf die die Hermeneutik die Antwort ist“, in „Abschied vom Prinzipiellen“, Stuttgart 2005, S. 117.

[x] Vgl. die Nachweise bei Konrad Walter, „Rechtsfortbildung durch den EuGH. Eine rechtsmethodische Untersuchung ausgehend von der deutschen und französischen Methodenlehre.“ Schriften zum Europäischen Recht (EuR) 142, Berlin, Duncker & Humblot 2009, ISBN 978-3-428-12817-4. und die entsprechende Rezension bei Kuselit unter http://www.kuselit.de/rezension/15717/Rechtsfortbildung-durch-den-EuGH.html.

[xi] So Marijan Pavčnik, in Gerechtigkeitswissenschaft, siehe oben FN 3.

[xii] Vgl. Axel Adrian, Grundprobleme einer juristischen (gemeinschaftsrechtlichen) Methodenlehre. Die begrifflichen und ("fuzzy"-) logischen Grenzen der Befugnisnormen zur Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes und die Maastricht-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes. Schriften zur Rechtstheorie, Bd. 245, rezensiert unter dem Titel „Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie“, in Kuselit-ZID, Zeitschrifteninhaltsdienst, Ausgabe 04/2010, Seite 4, unter Nummer 2 (Recht Allgemein) http://www.kuselit.de/zid/pdf/201004.pdf sowie http://www.kuselit.de/rezension/15766/Grundprobleme-einer-juristischen-%28gemeinschaftsrechtlichen%29-Methodenlehre.html.

[xiii] Peter Warta, Jahrgang 1939, Werbebranche, Rechtstheorie, praktische Implikationen, z.B. „Wie man das Recht begräbt“, Die Presse 21.03.2008, verfügbar unter http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/371650/index.do; siehe dazu auch dazu dessen Beitrag in Gerechtigkeitswissenschaft, oben FN 3.

[xiv] Laura A. DeSisto, Education Is a Humanism: Reconceptualizing the Activity of Teaching and Learning, http://www.philosophy-of-education.org/pdfs/Saturday/DeSisto.pdf