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Kuselit Rezensionen

Stefan Gosepath / Wilfried Hinsch / Beate Rössler - Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie

Titel: Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie Cover
Autor: Stefan Gosepath / Wilfried Hinsch / Beate Rössler
Verlag: De Gruyter
Ort: Berlin
Jahr: 2008
Seiten: 1569
Preis: 198,00
ISBN: 978-3-11-017408-3
Internet:
Rezensent: Schwarz, Axel
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

 

Stefan Gosepath / Wilfried Hinsch / Beate Rössler

(in Zusammenarbeit mit Robin Celikates und Wulf Kellerwessel)  (Hrsg.)

Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie

2 Bde., Berlin 2008

ISBN 978-3-11-017408-3

 

Bewertung

Ausgezeichnetes wissenschaftliches Kompendium der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie

Inhalt

Standardisierte Beiträge zu einer Reihe der wichtigsten Schlagwörter und Persönlichkeiten der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie

Zielgruppe

Wissenschaftler, Bibliotheken, Institute, Politiker, Juristen, am Thema Interessierte

Was kann man lernen?

Begriffe, Abgrenzungen, Theorien und weit gefächerte Zusammenhänge der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie

Herausgeber / Autor

Prof. Dr. phil. Stefan Gosepath[1],  u.a. Professur für Internationale Politische Theorie und Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main im Rahmen des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“;

Universitätsprofessor Dr. phil. Wilfried Hinsch[2], Moralphilosophie, Politische Philosophie und Rechtsphilosophie;

Prof. Dr. Beate)  Roessler[3],
Capaciteitsgroep Philosophy and Public Affairs, u.a. Professur für Ethik und -geschichte an der Universität Amsterdam;

Celikates, Robin[4], Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Internationale Politische Theorie und Philosophie, assoziiertes Mitglied des Instituts für Sozialforschung, Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen", Juridicum, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main;

Professor Dr. phil. Wulf Kellerwessel[5], Philosophisches Institut der RWTH Aachen, Ethik, Politische Philosophie, Sprachphilosophie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Analytische Philosophie, Philosophie der Aufklärung, Philosophie der Neuzeit, Philosophie der Gegenwart, Ludwig Wittgenstein, Nicholas Rescher

 

 

 

Die Frage nach dem Richtigen

Das Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie des Verlags Walter de Gruyter ist aus geisteswissenschaftlicher Perspektive bereits mehrfach positiv – und das sicherlich zu Recht - besprochen worden.[6] Es ist breit angelegt und berührt Einzelfragen und Zusammenhänge aus den verschiedensten Disziplinen nicht nur der Sozial-, Human-, Natur- und Technik-, sondern auch der Rechtswissenschaften. Und gerade aus der Sicht des Juristen erscheint ein solches Kompendium heutzutage unverzichtbar.

Das Werk ist mehr als ein Lexikon, auch wenn es alphabetisch nach Stichworten aufgebaut ist, und reiht sich in die Reihe sozialphilosophischer Standardwerke ein. Jedes Stichwort (die Herausgeber verwenden im Vorwort den Ausdruck „Lemma“) erschließt in standardisierter Form einen näher bezeichneten Themenbereich. Unter einer einleitenden Nummer 1 werden Definitionen bestimmt. Eine Problem- und Begriffsgeschichte schließt sich unter Nummer 2 an und Nummer 3 behandelt den Stand der wissenschaftlichen Diskussion. Ein Verzeichnis der Forschungsliteratur unter der jeweiligen Nummer 4 erlaubt eine rasche und qualifizierte Vertiefung. In ähnlicher Weise wird auch verfahren, soweit es um Personeneinträge geht: Nach einer kurzen Biographie (Nummer 1) und einer Darstellung des betreffenden Lebenswerkes (Nummer 2) werden die zentralen Position dargestellt (Nummer 3) und mit einschlägiger Literatur vervollständigt (Nummer 4). Am Ende eines jeden Beitrags findet sich der Name des Autors. Auch gibt es am Ende des zweiten Bands ein alphabetisches Autorenverzeichnis, in dem umgekehrt jedem Autorennamen das jeweils behandelte Stichwort zugeordnet ist. Dem Autorenverzeichnis folgt ein detailliertes Namensregister mit Seitenzahlen. Ein dort im Fettdruck auftauchender Name wird als eigenes Stichwort unter einem Personeneintrag gesondert dargestellt. Entsprechendes gilt auch für das Sachregister, das durch den Fettdruck bestimmter Sachbegriffe auf eine spezielle Erörterung im Handbuch hinweist. Mit dieser Vielzahl von Querverweisen wird wissenschaftliches Arbeiten innerhalb des Handbuchs leicht gemacht. Ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis findet sich zudem am Beginn eines jeden Bandes.

Die Darstellung folgt dabei einem konsequent durchgehaltenen Prinzip: so präzise wie möglich und so ausführlich wie notwendig“! Mit dieser Methode hebt das Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie den Leser mit denkbar kürzestem Zeitaufwand auf den (fast) aktuellen wissenschaftlichen Höchststand und gestattet Vertiefung, wo immer der Leser denn eine solche wünscht.

Erstaunlicherweise fehlt eine Darstellung, was überhaupt unter „sozial“ zu verstehen sein könnte oder sollte. Dagegen ist der der Begriff der Politik definiert. Dafür finden sich jedoch erhellende Ausführungen unter den Stichworten „Sozialisation / Sozialisationstheorie“, „Sozialismus“, „Sozialkapital“, „Sozialontologie“, „Sozialphilosophie“, „Sozialstaat“ und „Sozialwahltheorie“. Dem „Neoliberalismus“ allerdings, dem die Menschheit zurzeit den anhaltenden und größten Raubzug aller Zeiten verdanken dürfte, ist leider kein eigenes Stichwort gewidmet.[7] Joana Breidenbach und Pál Nyíri (S. 45) deuten beim Stichwort „Soziale Anthropologie“ immerhin an, dass dessen zentrale Akteure unter dem Deckmantel vermeintlich gewalt- und wertfreier Rationalitäten Wissen und Normen manipulieren. Robin Celikates behandelt unter „Bürgerschaft / Staatsbürgerschaft“ die Philosophie des Libertarismus zusammen mit derjenigen des Neoliberalismus (S. 166). Diese Richtung lehnt soziale Rechte ebenso wie gesetzliche politische und soziale Pflichten ab und interpretiert moralische Pflichten minimalistisch, rechtfertigt also mit anderen Worten die Plünderer und Fledderer. Eine solche reduzierte Konzeption von Demokratie dürfte sich kaum als stabil erweisen. Dagegen stützt sich Bernhard Zangl (S. 571) bei seiner Darstellung des Stichworts „Internationale Beziehungen“ auf ein euphemistisches Verständnis von Neoliberalismus, der „den Wohlfahrtsinteressen breiter gesellschaftlicher Gruppierungen“ zum Durchbruch verhelfen soll. Die soziale Realität lehrt uns jedoch gerade das Gegenteil. Entsprechend markiert Wulf Kellerwessel (S.716) in seiner etwas breiteren Abhandlung des Stichwortes „Liberalismus“ den Zusammenhang zwischen dem gegenwärtigen Neoliberalismus und dem Manchesterliberalismus des 19. Jahrhunderts. Dorothea Kübler (S. 773) behandelt den Neoliberalismus als Variante des „Marktliberalismus“, der für die weltweite Zunahme von Ungleichheit, Zerstörung und Elend verantwortlich gemacht wird. Dagegen behauptet Renate Mayntz (S. 1145) unter dem Stichwort „Verwaltung“ (allerdings ohne dies zu belegen oder auch nur belegen zu können), dass Neoliberalismus und Privatisierung selbst ganzer Infrastrukturbereiche „ohne Zweifel zu Rationalisierungsgewinnen geführt“ habe. Sie schließt deshalb mit dem (für den Leser eher deprimierenden und resignierenden) Satz, dass sich eben die Rolle des Staates wie die Funktion der Verwaltung geändert habe.

Muss man also die Verhältnisse hinnehmen wie sie eben „nun einmal“ sind? Soll man einknicken vor dem Mythos von „Sachzwang und Wirtschaftskreislauf“ und sich mit der Verliererrolle im gegenwärtigen Prozess der Refeudalisierung[8] begnügen?  Sicher nicht! Das Handbuch verhält sich dazu überwiegend neutral. Es stellt die verschiedenen Meinungen und Theorien dar und thematisiert nur ansatzweise deren Folgen in der Realität. Seine Meinung muss sich schon jeder selber bilden. Die beste Grundlage dazu jedoch ist dieses Handbuch, das einem helfen kann, für sich selbst die Frage nach dem Richtigen (Heinrich Meier) zu beantworten.

 Dr. Axel Schwarz, Moritzburg



[1] Lebenslauf unter http://www.gesellschaftswissenschaften.uni-frankfurt.de/index.pl/curriculum_vitae4

[2] Lebenslauf unter http://www.philosophie.rwth-aachen.de/aw/cms/home/themen/praktische_philosophie/copy_of_personen/~tfn/wilfried_hinsch/?lang=de

[3] http://home.medewerker.uva.nl/b.roessler/

[4] http://www.gesellschaftswissenschaften.uni-frankfurt.de/index.pl/celikates

[5] http://www.philosophie.rwth-aachen.de/aw/cms/home/themen/praktische_philosophie/copy_of_personen/~tft/wulf_kellerwessel/?lang=de

[6] http://www.degruyter.de/cont/fb/ph/detail.cfm?isbn=9783110174083&sel=rz.

[7] Siehe z:B. „Erpressungspotential“, Rezension NR.15177 zu Christina Knahr / August Reinisch (Hrsg.), Aktuelle Probleme und Entwicklungen im Internationalen Investitionsrecht. Tagungsband des 8. Graduiertentreffen im Internationalen Wirtschaftsrecht in Wien 2007, (SR: Internationale Wirtschaft und Recht, Bd. 5), Stuttgart 2008. ISBN 978-3-415-04020-5 (218 S.), http://www.kuselit.de/rezension/15177/Aktuelle-Probleme-und-Entwicklungen-im-Internationalen-Investitionsrecht..html;

auch: Kuselit-Rezension zu Herder-Dorneich, Philipp, Globales Denken. Die Produktion von Rationalität und von Sinn im Zeitalter der Globalisierung. BWV – Berliner Wissenschafts-Verlag 2008, ISBN 978-3-8305-1542-5, http://www.kuselit.de/rezension/15261/Globales-Denken.html; Kuselit-ZID, Ausgabe 0/2009, S.37-38, http://www.kuselit.de/zid/pdf/200900.pdf.

[8] Rainer Forst in der taz vom 7.10.2009: „Das Gerechte und das Übel. Den modernen Mythen vom "Sachzwang" und "Wirtschaftskreislauf" zum Trotz - im Zentrum des Politischen stehen das Gemeinwohl und die Gerechtigkeit“, http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=sw&dig=2009%2F10%2F07%2Fa0098&cHash=0b1973b7f5/&type=98