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Kuselit Rezensionen

Stefan Scheil - Churchill, Hitler und der Antisemitismus

Titel: Churchill, Hitler und der Antisemitismus Cover
Autor: Stefan Scheil
Verlag: Duncker & Humblot
Ort: Berlin
Jahr: 2008
Seiten: 355
Preis: 28,00
ISBN: 978-3-428-12846-4
Internet:
Rezensent: Christian Kositza, Bad Salzuflen
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

 

Stefan Scheil, Churchill, Hitler und der Antisemitismus. Die deutsche Diktatur, ihre politischen Gegner und die europäische Krise der Jahre 1938/39 (=Zeitgeschichtliche Forschungen, Bd. 37), Berlin 2008

 

Der Historiker Stefan Scheil beschäftigt sich ein weiteres Mal mit der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs; für ihn fügen sich diesmal seine „beiden Hauptforschungsgebiete, das der internationalen Beziehungen und das des politischen Antisemitismus, zusammen“.

Ohne sich mit dem Forschungsstand auseinanderzusetzen, legt er gleich im Vorwort dar, was er von ihm hält: „Die Fakten erzwingen eine wissenschaftliche Debatte über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs, doch gibt es sie bisher erst in Ansätzen.“ Sicherlich nicht wenige werden ob dieser Einstellung verwundert oder gar verärgert geneigt sein, das Buch beiseite zu legen; schon jeder Proseminarist könnte anhand einer simplen kommentierten Literaturaufstellung diese Behauptung widerlegen.

Im Gegensatz zur landläufigen Ansicht, die dem Deutschen Reich die Alleinverantwortung für den Ausbruch und die Eskalation des Zweiten Weltkriegs zuschreibt, geht Scheil von einer vereinten Entfesselung mehrer Staaten aus. Mit dieser Ansicht wäre er der so genannten revisionistischen Schule zuzuordnen.

Und Scheil betrachtet das NS-Regime nach dem ‚Anschluss’ Österreichs und des Sudetenlandes als territorial saturiert. Sogar die quellenkritisch nicht unproblematische Hoßbach-Niederschrift über eine Ansprache Hitlers im November 1937 verwendet er in diesem Sinne. Eine Analyse der Quelle und ein Vergleich mit anderen Auslegungen fehlen leider gänzlich.

In den Wochen vor dem Kriegsausbruch sieht er Deutschland als defensiv an, nur Möglichkeiten suchend „das potentielle Angriffsbündnis der Dreierkoalition England-Frankreich-Polen“ zu sprengen. Demgegenüber sind andere Mächte für ihn nicht mit dem status quo zufrieden. Wie Polen, das seit 1932 Rückendeckung für einen Überfall auf Deutschland gesucht hätte oder die Sowjetunion, die einen Krieg in Europa für die eigene Expansion hätte nutzen wollen.

Bezogen auf Scheils zweites Hauptforschungsgebiet, den politischen Antisemitismus, kann man nun nicht behaupten, er zähle zu den Revisionisten: „Die nationalsozialistische Regierungsübernahme in Deutschland bedeutete eine Kriegserklärung an die Existenz der deutschen Juden.“

Dazu beschreibt er wiederholt, wie die NS-Judenpolitik Deutschlands außenpolitischen Handlungsspielraum einengte; wie in Großbritannien, wo Scheil zwei Gruppen in einem Dauerkonflikt um die außenpolitische Linie ringen sieht. Die eine Gruppe um Chamberlain hätte den Nationalsozialismus akzeptiert und die andere um Churchill, für Scheil ein Deutschland-Hasser, sei auf Kriegskurs gegen Deutschland gewesen und hätte sich vor allem in dem „World Non Sectarian Anti-Nazi Council for the Defence of Freedom and Peace to Champion Human Rights“ zusammengefunden.

Eine Schlussbetrachtung oder ein Ausblick fehlt ebenso wie die schon erwähnte Auseinandersetzung mit der Forschungslage. Lässt man diese Mängel außen vor, so könnte das Thema anders aufbereitet und beschreibend, wie der nationalsozialistische Antisemitismus die Lage Deutschlands im Ausland einschränkte, eine Forschungslücke schließen. Auch könnte eine Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs für ihn und den Leser erhellend sein.

Christian Kositza, Bad Salzuflen