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Kuselit Rezensionen

Philipp Herder-Dorneich - Globales Denken

Titel: Globales Denken Cover
Autor: Philipp Herder-Dorneich
Verlag: Berliner Wissenschaftsverlag (BWV)
Ort: Berlin
Jahr: 2008
Seiten: 355
Preis: 49,00
ISBN: 978-3-8305-1542-5
Internet:
Rezensent: Dr. Axel Schwarz, Moritzburg
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

 

Rezension zu

 

Herder-Dorneich, Philipp

Globales Denken

Die Produktion von Rationalität und von Sinn im Zeitalter der Globalisierung

Berlin 2008

BWV – Berliner Wissenschafts-Verlag

ISBN 978-3-8305-1542-5


Bewertung [i]

1

Inhalt

Allgemeinplätze, Vorurteile, grobe Vereinfachungen, vorgefasste Meinungen

Zielgruppe

Anhänger gewisser politischer Strömungen

Was kann man lernen?

Eigentlich nichts; möglicherweise eignet sich das Werk als Studienobjekt für politische Inszenierungen

Autor

Prof. Dr. Philipp Herder-Dorneich, Nationalökonom, (1993 emeritierter) ordentlicher Professor für Sozialpolitik der Universität zu Köln und Direktor des Seminars für Sozialpolitik sowie des Seminars für Genossenschaftswesen der Universität zu Köln; Wegbereiter der neuen politischen Ökonomie, Arbeiten zur Gesundheitsökonomik, Theorie der sozialen Steuerung, zu sozialen Problemen moderner Industriegesellschaften und zum Verbandswesen.

 

In den frühen Jahren der Bundesrepublik gab es eine Tradition, die man heute ein wenig vermisst. Wissenschaftler kritisierten sich gegenseitig scharf und emotional. Das wissenschaftlich interessierte Publikum nahm gespannt an den Auseinandersetzungen teil. Die gegensätzlichen Standpunkte traten offen zutage und wurden breit diskutiert. Heute befleißigt man sich einer höflich neutralen Zurückhaltung.  Die Diskussionen drohen langweilig und blass zu werden.

Der international geschätzte Autor möge nachsehen, dass der Rezensent ausgerechnet mit diesem Werk an die alten Traditionen anknüpft. Aber es geht nicht anders. Dabei fängt alles so gut an. Der Titel selbst ist eine Herausforderung an den modernen Menschen: „Globales Denken.“ Das Feuer der Neugier wird weiter geschürt durch den Untertitel „Die Produktion von Rationalität und von Sinn im Zeitalter der Globalisierung“. Auch der Einstieg in das Thema gelingt noch. Zwar ist Globalisierung ein alter Hut, aber immerhin der Trend zu internationaler Vernetzung steigt rasant. Auch dass alles mit allem irgendwie zusammenhängt, haben fernöstliche Philosophen schon vor Tausenden von Jahren verkündet, aber immerhin hat dieser Gedanke die westliche Wissenschaft im vergangenen Jahrhundert immens befruchtet und tut es noch heute. Die Unübersichtlichkeit der Welt und deren Komplexität schreit trotz und wegen der Informationsflut nach neuen Formen der Steuerung. Daran kann kein Zweifel bestehen.

Hier bietet Herder-Dorneich an, die Ideen der Rückkopplung und des Regelkreises anzuwenden. Das macht neugierig. Erste Zweifel müssten jedoch schon deshalb auftauchen, wenn Herder-Dorneich die konzertierte Aktion einer „Theologie des Dialogs“ einer „Philosophie des Diskurses“ und einer „Ökonomie des Tausches“, vorschlägt, die – so der Autor – „jeweils denselben Grundgedanken jeweils für sich grundlegend sehen und somit von sich aus etwas anbieten, was sich zusammenschauen lässt“. Ab dann bricht über den unvorbereiteten Leser ein wahres Hagelgewitter von Allgemeinplätzen, Ungereimtheiten, Unwahrheiten, Wirklichkeitsverdrehungen, Wunschträumen, Schönfärbereinen und Vorurteilen in Verbindung mit den abstrusesten Schlussfolgerungen zusammen, das nur mit den wüstesten Wirbelstürmen der Karibik zu vergleichen ist und mindestens ebensolche Schäden anzurichten droht. Vielleicht mag dieser Eindruck darauf zurück zu führen sein, dass der Autor sich bewusst einer allgemeinverständlichen Sprache befleißigt, bei der nicht alles so genau ausgedrückt werden kann, wie in einer schwer verständlichen Fachsprache. Andrerseits schmückt er den Text mit den exotischsten Fremdwörtern, auf die es eigentlich gar nicht ankommt. Das schier Unbegreifliche ist jedoch der Inhalt des Werks.

Der geneigte Leser möge doch einmal versuchen, die nachfolgend zitierten Prämissen zu verstehen, von denen Herder-Dorneich ausgeht, z.B

-          „Die große Solidarität, die der nationale Sozialstaat im Innern herstellte ..(als Beispiel wird u.a. die Rentenversicherung genannt...) machte nach außen eine Aggressivität möglich, die sich in Kriegen von bis dahin noch nicht gekannter Brutalität entlud.“ – Sollen also Sozialsystem und Rentenversicherung für die Gräuel der NS-Zeit, auf dem Balkan und im Rest der Welt verantwortlich sein?

-          “Die weitere Fehlleistung des nationalen Sozialstaates“ ist „die Instrumentalisierung der Inflation zu seinen Zwecken“. – Als hätte man es nicht geahnt, nicht Rüstungsproduktion und Kriegführung, nicht politische Korruption und Spekulationen von Landesbanken, auch nicht die Weltwirtschaft etc, nicht einmal die Kosten einer Wiedervereinigung, nein, der Sozialstaat ist schuld an der Inflation!

-          „So ist es bisher nicht gelungen, die Verschiebung der demografischen Verhältnisse mit den Steuerungssystemen der Altersicherung aufzufangen. Es ist im Gegenteil das System der dynamischen Rente, das auf der Generationengerechtigkeit beruhte, zusammengebrochen“ – Das wundert dann natürlich nicht mehr: die demografische Verschiebung soll erst noch kommen und schon bricht die Generationengerechtigkeit zusammen. Wer arbeitet eigentlich an diesem Zusammenbruch? Und: Cui bono?

-          „Die sozialen Institutionen werden ... immer größer und die Politiker verlieren damit den Kontakt zur Basis.“ – Schau an: das soll also der Grund für die Abgehobenheit der Politik sein. Die Untersuchen vieler ernsthafter Wissenschaftler zu diesem Thema, vor allen Hans Herbert von Arnims, sind an Herder-Dorneich offenbar spurlos vorübergegangen.

-          „Typisch politische Leistungen, wie die Produktion von äußerer, innerer und sozialer Sicherheit, werden von den Wahlbürgern als selbstverständlich hingenommen und meist nicht als politische Leistung registriert ..“ – Schade dass Herder-Dorneich hierzu kein Beispiel nennt. Was die Politik gerade in diesen Tagen produziert, innen-, außen- und sozialpolitisch, ist doch eher das Gegenteil von Sicherheit!

-          „Politische inszenierte Medienspektakel“ erweisen sich „als werbewirksam und werden von den Wahlstimmenströmen als Leistungen honoriert“ – Na, dann hat doch alles wieder seine Ordnung! Der Bürger honoriert also seine eigene Verdummung!

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. An Naivität kaum zu übertreffen, sind auch die Verbesserungsvorschläge, z.B.

-          „Eine unabhängige Kontrolleinrichtung ist immer dann leicht zu etablieren, wenn man sie auf gut definierbare Parameter festlegen kann.“ – Ohne Worte!

 

Es lohnt sich nicht, sich darüber zu erregen. In dem dargestellten Stil geht es weiter, ohne Rücksicht auf den Leser und ohne Realitätsbezug. Das Buch will Rationalität erzeugen, ohne überhaupt den Versuch einer Definition anzubieten, was Autor oder Leser darunter verstehen oder verstehen könnten oder sollten. Herder-Dorneich kann deshalb ohne jede Schwierigkeit (drucktechnisch hervorgehoben) in der von ihm selbst so genannten neoliberalen Grundgleichung gipfeln, die da laute

„Markt = rational = Vernunft

Was der Markt entscheidet, ist notwendig  vernünftig.“

 

Herder-Dorneich bekennt freimütig: „Das ist natürlich ein Grundsatz, den man nicht gerne aufgeben möchte.“ und gibt dem Leser noch einige Ratschläge mit auf den Weg, wie dieser praktische Grundsatz, der jedes Nachdenken erübrigt, in einer so schwierigen Welt aufrecht zu erhalten ist.

Wer so denkt, braucht sicher keine Wissenschaft. Wer aber denkt, braucht dieses Buch nicht.

Dr. Axel Schwarz, Moritzburg



[i] Bewertungstabelle

Note

Kategorie

Lesbarkeit

Empfehlung

1

Allgemeinplätze / Vorurteile / Behauptungen

schwer

Nicht zu empfehlen, auch nicht für die Zielgruppe

2

Ohne schwierige Gedankengänge / an der Oberfläche des Themas

leicht

Kaum zu empfehlen, selbst nicht für die Zielgruppe

3

Überblick über das behandelte Sachgebiet

schwer

Eingeschränkt zu empfehlen

4

Überblick über das behandelte Sachgebiet

leicht

Zu empfehlen für Einsteiger und interessierte Laien

5

Überblick über das Sachgebiet und Behandlung von Sachfragen

schwer

Empfehlenswert für Zielgruppe mit Fachjargon

6

Überblick über das Sachgebiet und Behandlung von Sachfragen

leicht

Empfehlenswert für Zielgruppe und Laien

7

Aktuelle Diskussion eines bemerkenswerten Themas

schwer

Empfehlenswert für intellektuelle Zielgruppe

8

Aktuelle Diskussion eines bemerkenswerten Themas

leicht

Sehr empfehlenswert für (fast) jedermann

9

Hochwissenschaftliche Arbeit

schwer

Empfehlenswert für Zielgruppe

10

Hochwissenschaftliche Arbeit

leicht

Empfehlenswert für Wissenschaft und Praxis