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Kuselit Rezensionen

Georg Trautnitz - Normative Grundlagen der Wirtschaftsethik

Titel: Normative Grundlagen der Wirtschaftsethik Cover
Autor: Georg Trautnitz
Verlag: Duncker & Humblot
Ort: Berlin
Jahr: 2008
Seiten: 377
Preis: 86,00
ISBN: 978-3-428-12360-5
Internet:
Rezensent: Dr. Axel Schwarz, Moritzburg
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

Rezension

Trautnitz, Georg

Normative Grundlagen der Wirtschaftsethik.
Ein Beitrag zur Bestimmung ihres Ausgangsparadigmas.

Duncker & Humblot 2008, ISBN 978-3-428-12360-5
Volkswirtschaftliche Schriften (VWS 554)

„Verantwortliches Handeln lässt sich durch wissenschaftliche Reflexion nicht substituieren.“ Mit diesem Understatement und dennoch unzweifelhaft richtigen Feststellung beschließt Georg Trautnitz seine Dissertation „Normative Grundlagen der Wirtschaftsethik. Ein Beitrag zur Bestimmung ihres Ausgangsparadigmas“ aus dem Jahre 2006. Angesichts der Entwicklung eines modernen und weltweit unmenschlichen Superkapitalismus stellt sich in der Tat die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Fragen der Wirtschaftsethik immer drängender. Der für die Marktwirtschaft typische Wettbewerb scheint keine moralisch motivierten Vor- oder Mehrleistungen sowohl der Unternehmen wie der Individuen zu ertragen. So mag es kaum verwundern, wie Mathias Greffrath (DIE ZEIT vom 13.1.2005) zutreffend bemerkt, dass die historische Errungenschaft des Sozialstaats bedroht ist. Transnationale Produktion und unregulierte Weltmärkte spalten die »Volkswirtschaft« und erzeugen eine Dreiteilung der Gesellschaft in

- einen hoch konzentrierten internationalen Sektor mit reichen Eliten,

- eine Neue Mitte, die dieser globalen Wirtschaft zuarbeitet, staatliche und lokale Dienstleistungen erbringt und zunehmend unter Druck gerät; schließlich:

- die Unterwelt der »Überflüssigen«.

„In Deutschland konturiert ein Reformpaket aus Steuersenkungen und Hartz-Gesetzen diese Dreiteilung der Gesellschaft: Es begünstigt die kapitalintensiven Exportindustrien, und es stabilisiert – vorerst – die Belastungen der Neuen Mitte, indem es die Kosten für die »Überschüssigen« senkt.“

 

Heute beschäftigt sich die Wirtschaftsethik mit vor allem drei Problembereichen:

1. dem Stellenwert normativer Gesichtspunkte im Methodenverständnis der Wirtschaftswissenschaft,

2. der normativen Rechtfertigung und Ausgestaltung der Wirtschaftsordnung und

3. den Kriterien des moralisch verantwortlichen Handelns der Akteure in einer Wirtschaft (Unternehmen, Verbraucher etc.).

Eines der zentralen Probleme ist dabei die soziale Kontrolle von Handlungen, insbesondere von solchen, die rein auf Eigennutz ausgerichtet sind, wie in Wirtschaft und Politik. In kleinen überschaubaren Gruppen mag die informelle Kontrolle im täglichen Umgang möglich und ausreichend sein. In großen anonymen Gruppen dagegen ist der Beitrag des Verhaltens einzelner kaum und wenn, dann nur mit hohen Kosten, kontrollierbar.

Georg Trautnitz zeigt im „Kritischen Teil“ seiner Arbeit, dass es keinen einheitlichen Ansatz des Verhältnisses zwischen Wirtschaft und Ethik gibt. Er diskutiert dazu ausführlich zwei der prominentesten Thesen, die sich diametral gegenüberstehen:

a) die integrative Wirtschaftsethik von Peter Ulrich, der einen prinzipiellen Vorrang einer autonomen Ethik vor ökonomischen Überlegungen behauptet, und

b) die „Ethik mit ökonomischer Methode“ von Karl Homann, der die Methode der Ökonomik in das Fundament der Ethik eingebaut wissen möchte.

Der „Systematische Teil“ der Arbeit geht dann der Frage des normativen Ausgangsparadigmas der Wirtschaftsethik nach, das er dem verblüfften Leser als Anfang und Ende der Wirtschaftsethik verkaufen möchte: „Wirtschaftsethik als wissenschaftliche Aufgabe endet mit dem Nachweise ihres Ausgangsparadigmas (S. 337).“ Das ist umso verwunderlicher, als er trotz der anhaltenden Diskussion um Grundlagen und Folgen der auch durch begriffliche Unklarheiten belasteten Paradigmadiskussion seinen eigenen Paradigmabegriff nicht wirklich definiert.


So kann er sich einerseits auf das durchaus einleuchtende Gedankenexperiment stützen, wonach „eine a priori uneingeschränkte äußere Freiheit eines jeden freien Wesens gerade zu ihrer aposteriorischen Aufhebung führen würde.“ Denn „kein Mensch wäre vor dem anderen mehr sicher (S. 281).“ Andrerseits hindert ihn das nicht in der Schlussfolgerung: „Das Ökonomische bildet somit die Grenze der Wirtschaftsethik“ (S. 336). Aber soll es wirklich genügen, dass das Recht dem Einzelnen die „faktische Möglichkeit“ garantiert, „den Funktionszwängen des wirtschaftlichen Systems nicht unterworfen zu sein“ (S. 331)? Freilich sind die Implikationen, die Trautnitz aus dieser Konstruktion zieht, zwar nicht zwingend, aber weitreichend. Die soziale Interaktion wird einem ökonomiefreien Rahmen von Handlungsmöglichkeiten zugewiesen. „Die Möglichkeit, nicht am wirtschaftlichen System zu partizipieren, konkretisiert sich in allen Formen sozialer Rechte“ (S. 332):

- Die wissenschaftliche Unabhängigkeit soll frei gegenüber marktwirtschaftlichen Zwängen sein. Die Frage der Finanzierung moderner Wissenschaft gerät erst gar nicht ins Blickfeld.

- Entsprechendes soll für die Freiheit der Kunst gelten. Unwillkürlich wird man an den Künstler erinnert, der im Armenhaus stirbt, und dessen Werke alsbald nach seinem Dahinscheiden auf dem Kunstmarkt Spitzenpreise erzielen.

- Dem Arbeitnehmer geht es nach Trautnitz allerdings schlecht. Denn wer sich nicht uneingeschränkt dem legitim leistungsorientierten Konkurrenzkampf um den Arbeitsplatz widmet, gerät notwendigerweise ins Hintertreffen.

Angesichts dieser Aussichten, wagt man schon gar nicht daran zu denken, was mit den Frauen geschehen soll, die Beruf und Familie miteinander in Einklang bringen müssen. Da hilft der Hinweis auf den öffentlichen Dienst wenig.


Wirtschaftsethik lässt sich eben gerade nicht, wie Trautnitz meint, auf ein „Grundrecht der Partizipationsverweigerung“ beschränken, ohne dessen konkreten rechtlichen Auswirkungen „z.B. im Hinblick auf die Sozialpolitik zu deklinieren“ (S. 332). Auch verfällt er der Illusion, dass die Zusprechung der Kategorie des „Individuums“ eine „schlechthin nicht zu überwindende Handlungsschranke“ erzeuge (S. 287). Die täglichen Nachrichten lehren wohl das Gegenteil.


Trautnitz’ Ansatz, ähnlich dem kategorischen Imperativ Kants, die Freiheit des einzelnen zu sichern, ist trotz der aufgezeigten Schwächen beachtenswert. Damit lässt sich die Wirtschaftsethik wohl normativ rechtfertigen und darin dürfte die herausragende Leistung des Werkes bestehen. Darin erschöpft sich aber keineswegs die Wirtschaftsethik, damit beginnt sie erst.

 

Dr. Axel Schwarz, Moritzburg