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Kuselit Rezensionen

Markus Parzeller / Hansjürgen Bratzke / Frank Ramsthaler (Hrsg.), - Praxishandbuch Forensische Altersdiagnostik bei Lebenden

Titel: Praxishandbuch Forensische Altersdiagnostik bei Lebenden Cover
Autor: Markus Parzeller / Hansjürgen Bratzke / Frank Ramsthaler (Hrsg.),
Verlag: Richard Boorberg Verlag
Ort: Stuttgart
Jahr: 2007
Seiten: 340
Preis: 32,00
ISBN: 978-3-415-03970-4
Internet: http://www.boorberg.de/
Rezensent: Dr. Axel Schwarz, Bukarest
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

 Markus Parzeller / Hansjürgen Bratzke / Frank Ramsthaler (Hrsg.)

Praxishandbuch Forensische Altersdiagnostik bei Lebenden. Medizinische und rechtliche Grundlagen

Stuttgart 2007

ISBN 978-3-415-03970-4

 

„Transparenz statt Tribunalisierung“

Migration, so scheint es, war schon immer ein Problem für Deutschland. Dabei spielen ethnische wie auch finanzielle Interessen eine unübersehbare Rolle. Zu Zeiten des Nationalsozialismus verbot man die Emigration von Juden[1], und heute fürchten breite Bevölkerungsteile die Arbeitsmigration aus anderen, insbesondere europäischen Ländern[2] und die damit verbundene Konkurrenz mit der Folge von Lohnsenkungen und Verschuldung des Mittelstandes. Menschenrechtler kritisieren die zu beobachtende Praxis der ethnischen Profilierung durch Einwanderungsbehörden[3], während Mediziner und Medizinrechtler vor einer Verbreitung von Infektionskrankheiten durch zunehmende Migration, weltweite Mobilität[4] und globalen Welthandel warnen. Diese stellen nach Ansicht der Bundesregierung eine "ernsthafte Gefahr für Stabilität und Frieden" dar weil Pandemien, wie die in Afrika grassierende Immunschwächekrankheit HIV/AIDS beispielhaft zeige, in den "betroffenen Regionen" sowohl "Armut" als auch "gesellschaftliche Instabilität" hervorrufe.[5] Innerhalb der EU ist Migrationspolitik eines der wichtigsten Themen.[6]

Innerhalb Deutschlands kommt ein nahezu alle Rechtsgebiete berührendes juristisches Problem hinzu, das man auf den ersten Blick gar nicht so vermutet, nämlich das der medizinischen Altersgutachten. Zwar sind Altersschätzungen bei der Identifizierung von Leichen und Skeletten traditioneller Bestandteil der Rechtsmedizin. Die forensische Altersdiagnostik Lebender stellt jedoch einen verhältnismäßig jungen Zweig der forensischen Wissenschaften dar. Untersuchungsobjekt sind wiederum Migranten und wiederum spielen finanzielle Interessen und u.U. auch ethnische Fragen eine Rolle. Die Rechtsunsicherheit ist gross. Wenn man sich die Fülle der juristischen Fragen ansieht, die die Politik den Medizinern anlastet, vor allem im Bereich der etwa 10.000 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge allein in Deutschland (Vorwort S. 7), kann man eigentlich nur von einer Zumutung sprechen. Aber die Mediziner rächen sich. Im Vorwort des hier vorgestellten Praxishandbuchs (S. 8/9) ist nachzulesen:

„Auf der anderen Seite ist der Missbrauch öffentlicher Kassen eine gesellschaftliche Aufgabe, der sich verantwortungsvolle Demokraten weder entziehen noch verweigern dürfen.“

Wie wahr, wie wahr! Wer denkt da nicht gleich an „Der Staat als Beute“ oder „Die Partei, der Abgeordnete und das Geld“ oder eine der vielen anderen kritischen Werke von Hans H. von Arnim? Selbst die Summe aller Unterstützungsleistungen für Bedürftige zusammengenommen kommt nicht annähernd an den Schaden heran, den der grösste Raubzug aller Zeiten mit der gegenwärtigen Finanzkrise[7] verursacht, von den sozialen Kollateralschäden[8] wie Kinderarmut, Immigrantenghettos und Bildungsarmut ganz zu schweigen. Politische Korruption[9] erlaubt es heutzutage offensichtlich, an der Zerstörung gesellschaftlicher Einrichtungen zu verdienen[10]. Dazu tragen Diskreditierung des Sozialstaates, Deformation der Solidarität, Abschied von Verteilungsgerechtigkeit, Entsicherung der Arbeitsverhältnisse und Zordnung gesellschaftlicher Risiken zu den davon Betroffenen (Alte, Arme, Arbeitslose, schwer Kranke, Pflegebedürftige, Alleinerziehende, Frauen) das Ihrige bei.[11] Und in der gegenwärtigen Sloterdijk-Debatte geistert der “kleptokratische” Staat.[12]

Das hier vorgestellte Praxishandbuch „Forensische Altersdiagnostik bei Lebenden“ umfasst in Kapitel 1 auf knapp 110 Seiten die medizinischen und in Kapitel 2 auf fast 190 Seiten die juristischen Aspekte der forensischen Altersdiagnostik bei Lebenden. Kapitel 3 enthält auf etwa 6 Seiten einen illustrierenden Bildanhang (Zahnwurzeln und sekundare Geschlechtsmerkmale)[13]. Der systematische Aufbau des Werkes in Verbindung mit einem Abbildungs- und Tabellenverzeichnis, einem Stichwortverzeichnis und einem Paragraphenverzeichnis machen das Werk zur soliden und in Zukunft sicherlich unentbehrlichen Grundlage praktischer wie wissenschaftlicher Arbeit.

Kapitel 1 ist dabei eigentlich eine eigenständige wissenschaftliche Publikation. Frank Ramsthaler und Barbara Zedler haben es mit „Forensische Altersdiagnostik Lebender - Ein Methodenvergleich aus Sicht der Forensischen Medizin“ überschrieben. Allein das vorangestellte Verzeichnis der hierzu verwendeten und weiterführenden Literatur nimmt beeindruckende 13 Seiten ein. Ihm folgt ein spezielles Inhaltsverzeichnis, das Kapitel 1 unterteilt. Nach einer Einführung, insbesondere in Grundlagen der Altersschätzung und evidenzbasierte Forschung und Leitlinien in der forensischen Altersdiagnostik, werden die verschiedenen Methoden der Altersdiagnostik detailliert dargestellt, einschliesslich radiologischer wie nichtionisierender bildgebender Verfahren, zahnmedizinischer und körperlicher Untersuchungen, Asparaginsäure-Razemisierung (Untersuchung des biologischen Alterns) sowie statistischer Verfahren. Die Ethnie als abstammungsverwandtschaftliche Kennzeichnung verschiedener Populationen und ihr potentieller Einfluss auf sexuelle Reifeentwicklung, Skelettreifung und Zahnentwicklung (zwischen Zahndurchbruch und Zahnmineralisation) spielt dabei nach heutigem Kenntnisstand wohl keine Rolle. Frank Ramsthaler und Barbara Zedler heben die Bedeutung der Homogenität eventueller Referenzgruppen hervor, die von georegionaler Zugehörigkeit, Ethnizität (S.78) und geschlechtsabhängiger Altersverteilung bestimmt wird. Sie erläutern die Bedeutung bestehender Empfehlungen[14] als Orientierungshilfen für die Praxis und sprechen sich im Ergebnis gegen einen unkritischen Einsatz der Röntgendiagnostik aus, empfehlen jedoch gleichwohl, die körperliche Untersuchung durch jeweils geeignete radiologische Bildverfahren und zahnärztliche Untersuchungen zu ergänzen.

Kapitel 2 wendet sich den juristischen Aspekten der forensischen Altersdiagnostik zu und unterscheidet hierbei in 5 Abschnitten:

  1. Die Röntgenverordnung im Kontext von altersdiagnostischen Untersuchungen bei Lebenden  (Markus Parzeller, Christiane Rüdiger, Barbara Zedler)
  2. Forensische Altersdiagnostik bei Lebenden im Strafverfahren - Strafrechtliche und strafprozessuale Wertung des Einsatzes von Röntgenstrahlen (Markus Parzeller, Christiane Rüdiger, Andreas Roebel)
  3. Altersdiagnostik im Sozialrecht (Christiane Rüdiger,  Markus Parzeller)
  4. Altersdiagnostik im Zuwanderungsrecht im Kontext der Röntgenverordnung (Markus Parzeller, Christiane Rüdiger, Maren Wenk) und
  5. Altersdiagnostik im Zivilrecht (Christiane Rüdiger,  Markus Parzeller).

Auch hier stellt jeder der genannten Abschnitte seinerseits eine eigenständige wissenschaftliche Publikation dar mit jeweils einem Verzeichnis der speziell verwendeten und weiterführenden Literatur, einem eigenen Inhaltsverzeichnis und einer zusammenfassenden Wertung. Bedauerlich ist, dass die strafrechtlichen und strafprozessualen Fragen den breitesten Raum auch der forensischen Altersdiagnostik beanspruchen und unberechtigten Kriminalisierungsvowürfen Vorschub leisten.[15] Hier ist der Gesetzgeber gut beraten, so weit wie möglich medizinische Untersuchungen durch einfache Regeln und Vermutungen zu ersetzen. Beispiele[16] dafür sind

-          leistungsrechtliche Regelungen wie § 33a Abs 1 SGB I, wonach bei Rentenansprüchen, die vom Erreichen einer Altersgrenze abhängig sind, das Geburtsdatum maßgebend ist, das erstmals gegenüber einem Sozialleistungsträger oder dem Arbeitgeber angegeben wurde, oder auch

-          Beweiskraftregeln wie § 60 Abs 1 PStG mit einer widerlegbaren Vermutung  hinsichtlich der Richtigkeit der Eintragungen ua über die Geburt in den Personenstandsbüchern (Heirats-, Geburten- oder Sterbebuch).

Da solche frommen Wünsche in absehbarer Zukunft wohl kaum eine Realisierungschance haben dürften, kann nichts anderes empfohlen werden, als das Praxishandbuch „Forensische Altersdiagnostik bei Lebenden“ in der Praxis anzuwenden. Dann dürfte man jedenfalls nach menschlichem Ermessen auf der sicheren Seite sein.  

 Dr. Axel Schwarz, Bukarest

 


[1] Vgl. Hannes Ludyga, „Von der "Reichsfluchtsteuer" aus dem Jahre 1931 bis zum Verbot der Emigration für Juden von 1941“, Journal der Juristischen Zeitgeschichte (JoJZG) 2/2008, 41 - .

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[2] weil z.B. der Exportüberschuss Deutschlands größer ist als das Sozialprodukt Ungarns, Bulgariens und Lettlands zusammengenommen, vgl. Michäl Ehrke, „Die globale Krise an der östlichen Peripherie Europas. Platzt die Illusion der Konvergenz?“, http://library.fes.de/pdf-files/ipg/ipg-2009-3/05_a_ehrke_d.pdf.

[3] OSI Open Society Institute, May 2009, “Ethnic Profiling in the European Union: Pervasive, Ineffective, and Discriminatory”, (http://www.soros.org/initiatives/osji/articles_publications/publications/profiling_20090526/profiling_20090526.pdf).

[4] Vgl. „Immer der Arbeit nach. Migration im Zeitalter der Globalisierung“, taz Verlag, Berlin 2008, ISBN-13: 978-3937683201.

[5] Bundesministerium der Verteidigung: Weißbuch 2006 zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr. Berlin 2006, kritisch dazu GFP, Konkurrenznachteil, 06.05.2009, http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57524/print?PHPSESSID=rbkoppjrm1dvcdpft91e2in302.

[6] Vgl. „Zukunftsgruppe legt Vorschläge für Europäische Migrationspolitik vor“, Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik (ZAR) 9/2008, S. 324 – 328; Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates über Mindestnormen für Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzstatus (Neufassung), {SEK(2009) 1376} {SEK(2009) 1377}, Brüssel, den 22.10.2009, KOM(2009) 554 endgültig, 2009/0165 (COD), http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2009:0554:FIN:DE:PDF

[7] Kuselit-Rezension „Erpressungspotential“, zu Christina Knahr / August Reinisch (Hrsg.), Aktuelle Probleme und Entwicklungen im Internationalen Investitionsrecht. Tagungsband des 8. Graduiertentreffen im Internationalen Wirtschaftsrecht in Wien 2007, (SR: Internationale Wirtschaft und Recht, Bd. 5), Stuttgart 2008. ISBN 978-3-415-04020-5 (218 S.), http://www.kuselit.de/rezension/15177/Aktülle-Probleme-und-Entwicklungen-im-Internationalen-Investitionsrecht..html.

[8] Kuselit-Rezension „Minimierung durch Wohlfahrtsmix “ zu: Schartau, Mai-Brith, „The Road to Welfare Pluralism. Old Age Care in Sweden, Germany and Britain“, 218 S., Berlin 2008, BWV – Berliner Wissenschafts-Verlag 2008, ISBN 978-3-8305-1506-7, http://www.kuselit.de/rezension/15260/The-Road-to-Welfare-Pluralism.html.

[9] Vgl. Michael Koß, „Party Goals, Institutional Veto Points and the Discourse of Political Corruption”, April 2007, www.uni-göttingen.de/de/sh/45562/htlm

[10] Robert Darnton, Ulrike Herrmann, Ingo Schulze u.a., „Ausverkauft. Wie das Gemeinwohl zur Privatsache wird“, taz Verlag, Berlin 2009, ISBN-13: 978-3-937683-26-3. Siehe auch die Kuselit-Rezension „Politisch beschränktes Risiko“ zu Roderich C. Thümmel, Persönliche Haftung von Managern und Aufsichtsräten. Haftungsrisiken bei Managementfehlern, Risikobegrenzung und D&O-Versicherung, 4. Aufl. Stuttgart 2008. ISBN 978-3-415-04011-3 (310 S.); http://www.kuselit.de/rezension/15201/Persönliche-Haftung-von-Managern-und-Aufsichtsräten.html

[11] F. Hengsbach, SJ, „Mehr Markt macht nicht gesund - Gesellschaftliche Risiken und solidarische Sicherung entsprechen einander“, Gesundheitswesen 2008, 339 - 349

[12] Stephan Hebel, „Sloterdijk-Debatte. Die Bürger und ihr Recht“, FR-Online vom 11. November 2009, http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2070241_Sloterdijk-Debatte-Die-Buerger-und-ihr-Recht.html

[13] Weiteres Bildmaterial findet u.a. sich bei Schmeling, Andreas; Lockemann, Ute; Olze, Andreas; Reisinger, Walter; Fuhrmann, Andreas; Püschel, Klaus; Geserick, Gunther, „Forensische Altersdiagnostik bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen“, Dtsch Arztebl 2004; 101: A 1261–1265 [Heft 18], http://www.ärzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=41687 und in der „Ausführlichen Zusammenfassung der publizierten Forschungsergebnisse“, von Andreas Schmeling: „Forensische Altersdiagnostik bei Lebenden im Strafverfahren“ (http://edoc.hu-berlin.de/habilitationen/schmeling-andreas-2004-03-18/HTML/chapter1.html) mit Ausführungen zum Einfluss der Ethnie auf sexuelle Reifeentwicklung, Skelettreifung und Zahnentwicklung (zwischen Zahndurchbruch und Zahnmineralisation).

[14] Vgl. Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin: Empfehlungen für die Altersdiagnostik bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen außerhalb des Strafverfahrens, Lockemann U, Fuhrmann A, Püschel K, Schmeling A, Geserick G, http://agfad.uni-münster.de/empfehlungen/empfehlung_Asylverfahren.pdf

[15] Siehe dazu auch die Kuselit-Rezension zu Claus Roxin / Ulrich Schroth (Hrsg.), „Handbuch des Medizinstrafrechts“, 3. Aufl. Stuttgart 2007. ISBN 978-3-415-03861-5, http://www.kuselit.de/rezension/14922/Handbuch-des-Medizinstrafrechts.html.

[16] Vgl. BSG, Urteil vom 28. 4. 2004 - B 5 RJ 33/ 03 R – mwN, Volltext bei http://lexetius.com/2004,2143.