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Kuselit Rezensionen

Lothar Staud - Basiswissen der Forensischen Psychiatrie

Titel: Basiswissen der Forensischen Psychiatrie Cover
Autor: Lothar Staud
Verlag: Richard Boorberg Verlag
Ort: Stuttgart
Jahr: 2007
Seiten: 110
Preis: 18,60
ISBN: 978-3-415-03961-2
Internet: http://www.boorberg.de/
Rezensent: Dr. Axel Schwarz, Dresden
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

Lothar Staud

Basiswissen der Forensischen Psychiatrie.

Eine Anleitung für Juristen, Ärzte, Psychologen, Kriminalbeamte und Sozialarbeiter

Stuttgart 2007.

ISBN 978-3-415-03961-2


 

Die forensische Psychiatrie befasst sich gleichermaßen mit Psychiatrie und Recht. Sie dient  der psychiatrischen und psychotherapeutischen Therapie von Straftätern im Rahmen des Maßregelvollzugs sowie der Verwahrung nicht therapierbarer psychisch kranker Straftäter. In Kriminalromanen, Fernsehserien und Dokumentationen sind  forensische Psychiater, Psychologen und Rechtsmediziner bewunderte Experten, die Taten und Täterverhalten analysieren, psychologische Hintergründe erklären und bei der Aufklärung von Verbrechen mithelfen. Dieses positive Bild verkehrt sich allerdings bei Zwischenfällen mit psychisch gestörten Straftätern schlagartig ins Gegenteil, wenn forensische Psychiater zuvor als Gutachter oder Therapeuten tätig waren. Öffentlichkeit und Politik übersehen dann nur allzu gerne, dass der psychiatrische Experte zwar erheblichen Einfluss auf juristische Entscheidungen haben kann,  dass aber der spätere Vollzug durch gesetzliche Bestimmungen vorprogrammiert ist.

Die Juristen, denen überwiegend die psychiatrische Kompetenz fehlt, sind auf forensisch-psychiatrische Begutachtungen angewiesen. Sie sollten zwar ihrerseits in der Lage sein, die Gutachten selbst zu überprüfen. Aber es fällt umso leichter es dabei, sich „den überzeugenden Ausführungen des Gutachtens“ anzuschließen. Die Tendenz geht zunehmend dahin, juristische Verantwortung auf den forensischen Psychiater zu verlagern, was rechtsstaatlich höchst bedenklich ist.

Schon vor Einführung der nachträglichen Sicherungsverwahrung[1] war das Problem der Kriminalprognose heftigster öffentlicher Diskussion ausgesetzt: Mit welchen Methoden und mit welcher Sicherheit lässt sich das zukünftige Verhalten eines straffällig gewordenen Menschen vorhersagen? Mit Fragen dieser Art beschäftigen sich umfangreiche Werke einer interdisziplinären und arbeitsteiligen Kriminalitätsbewältigung durch Strafjustiz und Psychiatrie.

Wer sich in diese Materie einarbeiten will, sei als Jurist, Mediziner, Kriminologe, Psychologe, Vernehmungsbeamter, Sozialarbeiter, Student oder erfahrener Praktiker oder auch nur als interessierter Laie, sollte mit Stauds „Basiswissen der Forensischen Psychiatrie“ den Einstieg wagen. Stauds Anleitung ist – um es vorwegzunehmen - geradezu ein Genuss, selbst wenn man dem Autor nicht in allen Punkten folgen kann oder will. In jedem Fall wird dieses Werk dem Anspruch des Autors gerecht, ein Buch (mit nur etwas mehr als 100 Seiten) zur Forensischen Psychiatrie zu bieten, das man im Wortsinn „leicht mit den Akten in den Gerichtssaal tragen oder bei  der Lektüre psychiatrischer Gutachten aus der Schreibtischschublade ziehen kann“. Der auf die Praxis ausgerichtete Stil basiert nach eigenen Angaben des Autors auf einem Erfahrungsschatz von über 3000 psychiatrischen Gutachten und enthält zahlreiche philosphische Anspielungen. Statt Erfahrungsschatz gebraucht der Autor übrigens einen Begriff, der nicht einmal im Internet zu finden ist, den des „gesammelten Erfahrungsüberschlags“.

Die Einleitung des Werks vermittelt knapp und präzise die Grundzüge des Schuldstrafrechts, der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) sowie der klinischen Symptome der psychischen Störungen. Auf dieser Basis entwickelt Staud die beiden Schritte (Stufen) der Schuldfähigkeitsbeurteilung, die er „gedankliche Kaskaden“ nennt. Im Anschluss hieran werden die Psychosen („krankhafte seelischeStörungen), die tiefgreifende Bewusstseinsstörung (Affektdelikte), der Schwachsinn (Intelligenzminderung) und die schwere andere seelische Abartigkeit (Persönlichkeitssörungen, sexuelle Deviationen und Abhängigkeitssyndrome) erläutert.

Der Autor erhebt anschließend die Anordnung der Haftstrafe und / oder des Maßregelvollzuges in den philosophischen Himmel des „Orts der Wahrheit“. Das ist von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus wohl zu hinterfragen. Dass der Gutachter aus eigener Machtvollkommenheit nicht von den tatsächlichen Feststellungen des Urteils abweichen darf, veranlasst den Autor zu der einigermaßen ungewöhnlichen Formulierung, dass das Urteil der „sockelbildende und bezugspflichtige Erfahrungsüberschlag zum Leben des Probanden“ ist. Man beachte aber, dass Staud hier keineswegs einem blinden und automatischen Positivmus das Wort redet. Dass er (wenn auch nur in Klammern) auf (den Heidegger Schüler und Phänomenologen Hans Georg) „Gadamer“ anspielt, gibt er möglicherweise zu erkennen, über welchen enormen Spielraum der Gutachter verfügen kann, wenn er mit Gadamer den Urteilstext zum Zweck eines besseren Verstehens infragestellt und losgelöst von der Absicht des Gerichts (Verfassers) des jeweiligen Textes interpretiert!

Staud vermittelt konzentriertes Fachwissen zu Lockerungen, Aussetzung und Erledigung von Haftstrafe und Maßregelvollzug. Dabei kann er es sich (zum Vorteil des Lesers, versteht sich) nicht verkneifen, in einem eigenen Kapitel zum Maß des Erkenntnisgewinns durch forensisch-psychiatrische und psychologische Gutachten Stellung zu beziehen. Hier bringt er die „alles überwindende und desillusionierende Kraft des Faktischen“ ins Spiel und beschwört diesmal (wiederum nur in Klammern) den Begründer der Phänemenologie (Edmund) „Husserl“.

Staud beginnt mit der Feststellung, dass eine echte Überprüfung zukunftsbezogener Aussagen zur Rückfallgefährdung nur in einem schmalen Spektrum möglich ist. Wie wahr! Man erinnere sich an den Hochstapler Gert Postel[2], der ohne medizinisches Studium als Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy die Stelle eines stellvertretendes Amtsarztes in einer schleswig-holsteinischen Stadt bekleidet hatte, nach Entfernung aus dem Amt dann unter seinem eigenen Namen zum Leitenden Oberarzt im Maßregelvollzug einer sächsischen Klinik avancierte, und seinen Dienst so hervorragend versah, dass das zuständige sächsische Ministerium nur dadurch davon abgehalten werden konnte, ihn u.a. zum C4 Professor zu berufen, dass Postel zufällig von jemandem als Dr. Batholdy angesprochen worden war und die Flucht ergriffen hatte. Die von ihm erstatteten (mehr als 40) psychiatrischen Gutachen mussten überprüft werden, und siehe da, welch ein Wunder: Keines war in einem wesentlichen Punkt zu beanstanden.

Das erscheint umso erstaunlicher, als Staud eine Reihe von Studien aus Amerika und Deutschland anführt, in denen der Anteil nicht zutreffender Prognose-Gutachten, die wohlgemerkt von Fachleuten erstellt worden waren, an sensationelle Werte bis zu 86 % heranreichen. Staud schließt daraus, dass der menschliche Verstand für die Vorhersage menschlichen Verhaltens wenig geeignet ist. Manch einer wird anmerken, dass dies wohl nicht für Politiker gilt, aber wahrscheinlich hat Poltik nichts mit menschlichem Verstand zu tun. In diesen Zusammenhang passt sicherlich der von Staud angeführte Test, bei dem man eine Gruppe von Primaten mit Wurfpfeilen ausrüstete und sie auf eine Auswahl von Aktien zielen liess. Ein Treffer wurde als Anstieg des Kurses dieser Aktie interpretiert. Mit ihren Prognosen schlug die kompetente Affenschar ihre menschlichen Kollegen aus der Finanzwirtschaft aus dem Feld!

Trotz dieser grundsätzlichen Schwierigkeiten besteht ein großer Bedarf, die Gefährlichkeit straffällig gewordener Menschen und die Möglichkeiten einer positiven Beeinflussung einzuschätzen. In welchen Bereichen sich solch ein Prognosebedarf ergibt, fasst Staud übersichtlich zusammen, ebenso welche Mindestanforderungen bei der Erstellung von Gutachten zu beachten sind. In diesem Zusammenhang zitiert er Schopenhauer, wonach man nicht erwarten dürfe, dass in der Welt die Teufel mit Hörnern und die Narren mit Schellen einhergehen. Wäre das der Fall, würden ja unsere Politiker ziemlich leicht auszumachen sein.

Nach dem „ersten kriminalprognostischen Gesetz“ (von Staud) sind immer nur  Wahrscheinlichkeitsaussagen und niemals  sichere „ja-nein-Aussagen“ über künftiges kriminelles Verhalten möglich. Diese erfolgen auf der Grundlage von „Basisraten“, das sind „basale Kriminalitätswahrscheinlichkeiten für bestimmte Deliktsformen“ eines schon verurteilten Risikoklientels“. „Prävalenzraten“ hingegen erstrecken sich auf die Häufigkeit von Ersttätern in der Gesamtbevölkerung. Werden die merklich höheren Basisraten mit den deutlich niedrigeren „Prävalenzraten“ verwechselt, kommt es zu fatalen Fehleinschätzungen in der Kriminalitätsprognose. Staud stellt dar, wie mit Hilfe der Bayes’schen Matrix die Trefferquote und damit die Basisrate der Rückfälligkeit zu ermitteln ist. Er geht auch darauf ein,

-         warum es keine generell gültigen Rückfallzahlen geben kann,

-         wann mit Meta-Analysen mehrere Untersuchen zusammen zu fassen sind, sowie

-         in welcher Weise z.B. Dunkelfeldproblematik und unbekannt gebliebene Todesfälle von Straftätern zu einer Unterschätzung der Rückfallquoten führen.

Stauds Ausführungen zur Basisrateneinschätzung werden mit Rückfall-Tabellen, die verschiedene Quellen berücksichtigen, sowie mit eingängigen Merksätzen abgerundet.

            Die so ermittelten allgemeinen Rückfallzahlen werden durch individuelle Tat- und Tätermerkmale, sog. Prädikatoren, präzisiert. Diese werden mit Hilfe statistischer Prognoseinstrumente und Checklisten (mit Konstanten kriminologischer Relevanz) ermittelt. Staud beschließt seine Anleitung mit intellektuellen Leitlinien zur Erstellung von Prognosegutachten. Und ganz zum Schluss erinnert er an die thrakische Magd, die Thales von Milet verlachte, als dieser beim Blick in die Sterne in einen Brunnen fiel.

 

Fazit

Lothar Stauds „Basiswissen der Forensischen Psychiatrie“ erfüllt alle in das Werk gesetzten Erwartungen. Es bietet - aktuell, kompakt und hochkompetent zugleich - Zugang zu den relevanten medizinisch-juristischen Informationen und ist vergnüglich zu lesen. Ein weiterer Informationsbedarf wird durch das Literaturverzeichnis gedeckt. Wer sich gezielt mit speziellen Fragen beschäftigen möchte, kann auf das Stichwortverzeichnis zugreifen.

Das Werk ist uneingeschränkt zu empfehlen.

 

 

Dr. Axel Schwarz, Kreuzweiler

 



[1] § 66b StGB in der Fassung des Gesetzes zur Reform der Führungsaufsicht und zur Änderung der Vorschriften über die nachträgliche Sicherungsverwahrung vom 13.4.2007 (BGBl. I S. 513) m.W.v. 18.4.2007. Der Anteil sicherungsverwahrter Personen (2006: 375, Tendenz steigend) an der Gesamtzahl der Strafgefangenen (2006: 64.512)  liegt bei etwas mehr als 0,5 % und macht weniger als etwa 1/6 der zu lebenslanger Haftstrafe Verurteilten (2006: 2.294)  aus, siehe

http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Rechtspflege/Justizvollzug/Tabellen/Content50/Strafgefangene.psml

[2] Postel erscheint natürlich nicht in dem hier rezensierten Werk.