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Kuselit Rezensionen

Bundesverband der Berufsbetreuer/-innen (BdB) (Hrsg.) - Professionalisierung und Pauschalierung bei selbstständigen Berufsbetreuern.

Titel: Professionalisierung und Pauschalierung bei selbstständigen Berufsbetreuern. Cover
Autor: Bundesverband der Berufsbetreuer/-innen (BdB) (Hrsg.)
Verlag: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft
Ort: Köln
Jahr: 2007
Seiten: 296
Preis: 32,00
ISBN: 978-3-89817-647-7
Internet: http://www.bundesanzeiger.de/
Rezensent: RiAG Thomas Kischkel, Wetzlar
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

Bundesverband der Berufsbetreuer/-innen (BdB) (Hrsg.),
Professionalisierung und Pauschalierung bei selbstständigen Berufsbetreuern. Ergebnisse der Mitgliederbefragung 2005 des Bundesverbandes der Berufsbetreuer /-innen,

Köln, Bundesanzeiger-Verl. 2007, 296 S., kartoniert, ISBN 978-3-89817-647-7

Das Buch dient ausweislich des Vorworts der Darstellung der beruflichen und wirtschaftlichen Situation der im Bundesverband der Berufsbetreuer/-innen (BdB) zusammengeschlossenen Berufsbetreuer vor der Verabschiedung des 2. Betreuungsrechtsänderungsgesetzes. Die Grundlage dieser Darstellung bildet eine vom Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) in Köln im Jahre 2005 durchgeführte sehr umfangreiche und umfassende Evaluation. Erklärter Zweck der Studie ist – nach Durchführung einer weiteren Evaluation bis zum Jahr 2009 – die Feststellung der durch die Gesetzesänderung verursachten Veränderungen, insbesondere die Ermittlung von „Schwachstellen …, die der Zielstellung des Gesetzgebers nicht entsprechen“. Die Frage, ob dieses Ziel der Herausgeber erreicht wird, kann naturgemäß erst nach Abschluss der weiteren Untersuchungen beantwortet werden. Gleichwohl berührt schon das vorliegende Werk eine Vielzahl für die tägliche Arbeit der Berufsbetreuer relevanter Aspekte und dürfte schone deshalb für die mit der gesetzlichen Betreuung befassten Institutionen (Betreuungsbehörden, Gerichte, Berufsbetreuer) von Interesse sein.

In der Einleitung wird zunächst die Mitgliederstruktur des BdB beschrieben, da die Evaluation ausschließlich auf den Angaben eines Teils der Verbandsmitglieder beruht. Von gut 5.600 Mitgliedern sind 90 % selbständig tätig, von der Gesetzesänderung also am ehesten betroffen. Für den Praktiker wenig überraschend ist die Zusammensetzung nach Geschlecht (60 % weiblich, 40 % männlich) und Alter (Durchschnittsalter 45 Jahre). Bei der Frage nach der Berufsausbildung signifikant ist der hohe Anteil an Sozialarbeitern und –pädagogen (mehr als ein Drittel), auffällig auch die Zahl der Betriebswirte (> 10 %).

An die Mitglieder wurden vom ISG 5.110 Fragebögen versandt, von denen 847 in den Rücklauf kamen. Aufgrund dieser Zahlen halten die Herausgeber die Ergebnisse der Befragung für repräsentativ (S. 21), eine Wertung, die zumindest in dieser Absolutheit nicht nachvollziehbar ist. Die Zahl der Antworten bildet keine statistisch relevante Größe, die Auswahlkriterien sind nicht zufällig (wie z. B. bei dem random-sample) und daher für die Gesamtheit der Verbandsmitglieder nur eingeschränkt aussagekräftig für die Gesamtheit der deutschen Berufsbetreuer unerheblich. (Allerdings gestatten die Antworten eine durchaus lesenswerte streiflichtartige Betrachtung des Berufsalltags der Berufsbetreuer.)

In den weiteren Kapiteln gehen die Autoren zunächst auf den sozio-demographischen Hintergrund der Verbandsmitglieder, ihre Qualifikation und Erstbestellung ein. Hier sollen nur ein einzelner Wert wiedergegeben werden: Die befragten Berufsbetreuer haben zu etwa 80 % einen Fachhochschul- oder Universitätsabschluss, nur zu einem Drittel (auch) eine Lehre.

Interessanter ist die Darstellung ihrer beruflichen und wirtschaftlichen Situation: Ende des Jahres 2004 belief sich die Arbeitszeit der männlichen Betreuer auf 40 Wochenstunden, die der weiblichen auf nur 35 Stunden. Dabei war ein auffälliger Unterschied bei der Arbeitszeit zwischen alten (35,47) und neuen Bundesländern (45,67 Stunden) zu beobachten. Mangels eines brauchbaren Erklärungsansatzes für dieses Phänomen stellt sich die Frage, ob sich hier die bereits angesprochenen Schwäche der Untersuchung auswirkt, nämlich die geringe Aussagekraft der gesammelten Daten, die bei möglicherweise geringem Fragebogenrücklauf in den neuen Bundesländern zu Verzerrungen der Ergebnisse führen kann.

Die Zahl der Jahresurlaubstage lag durchweg unter 20, auch hier gab es eine eklatante Abweichung zu Lasten der neuen Bundesländer mit lediglich 14,81 Tagen. Die Durchschnittszahl der Betreuten lag 2004 bei 30 Personen pro Betreuer. 40 Klienten werden jedoch als optimal für das Verhältnis von Aufwand zu Gewinn angesehen. Der Durchschnittsumsatz belief sich auf ca. 40.000,- €/Jahr, was bei Gesamtkosten von ungefähr 14.000,- € zu einem Gewinn von knapp 27.000,- € geführt hat.

In einem weiteren Kapitel geht die Untersuchung auf die aktuelle Arbeitsorganisation der Betreuer ein und berührt dabei das Verhältnis zwischen haupt- und nebenberuflicher Tätigkeit, sehr ausführlich und eingehend die Organisation der Betreuerbüros sowie schließlich die (in der Regel sehr gute) Ausstattung mit Sachmitteln.

Das eigentliche Thema der Evaluation wird in Kapitel 6 (Berufsbetreuung im Wandel) angesprochen, nämlich die im Wandel begriffenen Rahmenbedingungen der Betreuungstätigkeit. Hier wird auf das Inkrafttreten des 2. BtÄndG mit der damit verbundenen Pauschalierung der Betreuervergütung abgestellt. Naturgemäß kann es sich hier im wesentlichen nur um prognostische Einschätzungen der Befragten handeln. Eine Tendenz wird gleichwohl sichtbar: Die Befragten erwarten eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Aufwand und Gewinn und gehen davon aus, dass sie für ein wirtschaftliches Arbeiten mehr Klienten als bisher benötigen.

Zu denken gibt die Änderung des Zeitaufwandes für die Betreuten selber (knapp 8 % weniger) sowie für das Aktenstudium (plus 6 %). Konsequent geben die Befragten an, dass die gesetzlich vorgesehene pauschale Stundezahl in der Regel nicht ausreichend sei. Bei Komapatienten ergeben sich hier nach überwiegender Einschätzung zwar kaum Änderungen, bei psychotischen Klienten, bei Suchtkranken oder schließlich bei Verhaltensgestörten geben jedoch nur etwa 10 – 15 % der Befragten an, dass die Zeitpauschale ausreiche. Konsequent führen die Pauschalierungsvorgaben zu einem Zeitmangel, der sich in einem Absinken des Zeitaufwandes für den persönlichen Kontakt mit dem Betroffenen auswirkt. Weniger zwangsläufig, aber geradezu erschreckend mutet an, dass nach der Meinung von 46,3 % der Befragten die unterschiedlichen Pauschalen für die Betreuung von mittellosen und vermögenden Personen zu einer Ungleichbehandlung der Klienten führen. Diese Einschätzung ist nach Auffassung des Rezensenten allerdings keine Folge der Gesetzesänderung, sondern eine Frage der persönlichen Einstellung der Betreuer, die einem nicht unerheblichen Teil der Befragten wohl ein moralisches Armutszeugnis ausstellt.

13,8 % der Befragten planen eine Aufgabe der Betreuertätigkeit, generell herrscht Einigkeit darüber, dass sich die Arbeitsweise der Betreuer durch die Pauschalierung in einer Weise ändern wird, durch die auch die Außenwahrnehmung des Berufstandes bei anderen Professionen leiden wird.

In den Kapiteln 7 und 8 wird die Konsequenz aus den oben dargelegten Ergebnissen gezogen: Als Derivat wird die Intensivierung der beruflichen Fortbildung genannt, vor allem im sozialrechtlichen Bereich, dann – mit Abstand – im Bereich der medizinischen und rechtlichen Grundlagen der Berufstätigkeit. Abschließend widmet sich das 9. Kapitel der Verbandsarbeit, im 10. Kapitel folgt eine Zusammenfassung.

Im Ergebnis stellt sich die Untersuchung gerade aufgrund der zugleich weitgefächerten und tiefgehenden Herangehensweise des ISG an die Fragestellung als interessant und aufschlussreich dar. Die gewonnenen Resultate entsprechen überwiegend den eigenen Eindrücken des Rezensenten als Betreuungsrichter. Allerdings bleiben im Einzelnen die Validität der Ergebnisse und ihre Übertragbarkeit auf die Gesamtheit der Verbandsmitglieder oder gar den gesamten Berufsstand aus den oben dargelegten Gründen zweifelhaft.

Thomas Kischkel, RiAG Wetzlar