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Kuselit Rezensionen

Gerd Schmidt, Rainer Bayerlein, Christoph Mattern, Jochen Ostermann, (Hrsg.) - Betreuungspraxis und psychiatrische Grundlagen

Titel: Betreuungspraxis und psychiatrische Grundlagen Cover
Autor: Gerd Schmidt, Rainer Bayerlein, Christoph Mattern, Jochen Ostermann, (Hrsg.)
Verlag: Bundesanzeiger Verlag
Ort: Köln
Jahr: 2006
Seiten: 464
Preis: 64 €
ISBN: 3-89817-491-3
Internet: http://www.bundesanzeiger.de/
Rezensent: Schwarz, Axel
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

1. Bedeutung

Psychiatrie und Recht stehen in einer Art von besonderem, bei weitem noch nicht geklärten Spannungsverhältnis in Theorie und Praxis, weshalb ein Buch wie das hier rezensierte sich immer eines lebhaften Interesses erfreuen wird. Die vielfältigen Facetten dieses Verhältnisses können an dieser Stelle auch nicht annähernd erfasst werden. Auf zwei der wichtigsten Punkte, zum einen die Definition der psychischen Störung und zum anderen den (potentiellen) Missbrauch der Psychiatrie soll dennoch eingegangen werden. Psychische Störung hat etwas zu tun mit Abweichung von einer Norm, weshalb sich nicht nur die Frage stellt, was normal ist, sondern auch wer darüber entscheidet. Der Leser mag doch einmal versuchen, „fehlendes soziales Bewusstsein“ zu definieren. Eng verwandt damit ist die Frage des Missbrauchs der Psychiatrie, dem heute z.B. die Psychiatriekommissionen entgegenwirken sollen. Wenn man z.B. Homosexualität – wie noch vor gar nicht so langer Zeit - als behandlungsbedürftige psychische Störung auffasst, kann man durchaus Menschen bis in den Selbstmord treiben [1], ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Man kann auch leicht dazu gelangen, psychische Störungen den Angehörigen bestimmter Schichten zuzuschreiben, als sog. schichtspezifische Unangepasstheit.[2] Um es vorwegzunehmen, auf diese fundamentalen Fragestellungen, die doch bis in die Betreuungspraxis reichen, geht das rezensierte Werk nicht ein.

2. Inhalt

Das Autorenteam besteht aus einem Juristen und und 3 Medizinern. Gerd Schmidt, vormals Vizepräsident des Landessozialgerichts und jetziger Leiter der Staatsanwaltschaft Chemnitz geht in den ersten drei Kapiteln auf die juristische Seite des Werkes mit den Themen der Verfahren in Betreuungssachen, den Unterbringungsverfahren und der Führung der Betreuung ein. Die weiteren 9 Kapitel des Buches sind der Darstellung einer Reihe relevanter medizinischer Fragen gewidmet.

Dr. med Rainer Bayerlein, Ärztlicher Direktor und Chefarzt des Landesfachkrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie Hildburghausen, behandelt Schizophrenie (Kapitel 5) und beschreibt geistige Behinderungen und Verhaltensstörungen (Kapitel 9).

Dr. med. Christoph Mattern, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirksklinikum Obermain führt in die Grundzüge der Psychiatrie (Kapitel 4) und der Sucht (Kapitel 7) ein: Er behandelt zudem Erlebens-, Ess- und Verhaltensstörungen sowie Persönlichkeitsstörungen (Kapitel 11) und geht in Kapitel 12 auch kurz auf das Thema „Aufmerksamkeitsdefizit-/Aktivitätsstörung bei Erwachsenen“ ein.

Bayerlein und Mattern bestreiten gemeinsam Kapitel 8 zum Thema „Organische Störungen“.

Dr. med Jochen Ostermann, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Klinikum Bad Salzungen, behandelt in Kapitel 6 affektive Störungen und beschäftigt sich in Kapitel 10 mit den psychiatrischen Notfallsituationen und der damit einhergehenden Suizidalität als einem Brennpunkt seelischer Erkrankung.

Im Überblick bestehen etwa ¼ des Buches aus juristischem und etwa ¾ des Buches aus medizinischem Fachtext. Zur Kompatibilität beider Fachsprachen sucht man vergeblich einige Ausführungen. Man mag dies nicht mit der wohlwollenden Bemerkung abtun, dass das Buch einen praktischen Anspruch erheben wolle und dass deshalb theoretische Fragen außen vor gelassen werden. Denn solche Fragen können, vor allem in kritischen Fällen, von entscheidender Bedeutung sein. Wenn z.B. ein ärztliches Gutachten „eine flach-euphorische Grundstimmung mit inadäquatem oberflächlichem Affekt und läppischem Verhalten“ bescheinigt, so stellt sich doch die Frage der juristischen Konsequenz. Damit ist die direkt Frage der interdisziplinären Zusammenarbeit von Recht und Psychatrie angesprochen. Hierzu lässt das Buch eine thematische und methodische Positionierung vermissen. Sie wird nicht durch den – durchaus berechtigten - Hinweis im Vorwort ersetzt, dass der Praktiker wissen muss, welche psychischen Einschränkungen überhaupt Krankheitswert haben. Dabei sehen die Autoren durchaus die reale Gefahr, dass „in nicht unerheblichem Ausmaß Betreuungen angeordnet werden, obwohl die festgestellten Auffälligkeiten keinen Krankheitswert haben“. Ohne Methode bleiben die wechselseitigen Beziehungen beider Disziplinen im Dunkeln und im Ansatz stecken. Im juristischen Teil des Buches finden sich einige Ausführungen zum „Gutachten“ (Randzahl 96), die keine Entscheidungssicherheit vermitteln, sondern wesentliche Fragen offen lassen, statt zu beantworten, wie z.B. : „Ist die Erkenntnis des Gerichts so weit gediehen, dass das Gutachten ganz oder teilweise verwendbar ist,...“ oder „Ist nun ein Gutachten vorhanden, das für die Feststellung der Betreuungsbedürftigkeit geeignet ist, dann...“ Im medizinischen Teil des Buches verhält es sich nicht wesentlich anders. Die Hinweise auf den rechtlichen Bezug sind selten, zuweilen selbstverständlich (wie z.B. in Randzahl 536: „Bei Kranken, bei denen paranoide Ideen ... die Entscheidungsgrundlage für das handeln ... beeinflussen, stellt sich ... häufig die Notwendigkeit einer Betreuung.“) oder lassen ebenfalls mehr Fragen offen, als sie beantworten (wie z.B. in Randzahl 583: „Die ... abgenötigte gründliche Prüfung, inwieweit die Willensentscheidungen des ... Patienten noch von krankhaften Einflüssen bestimmt werden, ist nicht leicht.“).

 

3. Bewertung

Das Buch stellt, wie der Titel zunächst vermuten lässt, kein interdisziplinäres Werk dar. Betreuungspraxis und -recht einerseits und psychiatrische Erkrankungen andrerseits werden nebeneinander dargestellt. Man kann insoweit von einem multidisziplinären Werk sprechen, das als solches natürlich seinen eigenen Wert hat und in der Praxis auch von Nutzen sein wird. Bedauerlicherweise verpasst das Werk die Chance, Methoden zwischen den Disziplinen zu vermitteln, aus denen sich Lösungsstrategien ergeben, die über den blossen Austausch des jeweiligen Wissensstandes hinausgehen.


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[1] So ist es wahrscheinlich dem britischen Logiker, Mathematiker undKryptoanalytiker Alan Mathison Turing (1912 – 1954) ergangen, dem auch nicht half, dass er es war, der die theoretischen Grundlagen für die moderne Informations- und Computertechnologie legte.

[2] So ist z.B. bekannt, dass in den USA Schizophrenie häufiger bei Angehörigen der Unterschicht, besonders Schwarzen, diagnostiziert wurde