Kuselit Rezensionen
Carsten Doerfert, Jörg-Dieter Oberrath, Peter Schäfer - Europarecht
| Titel: | Europarecht | |
|---|---|---|
| Autor: | Carsten Doerfert, Jörg-Dieter Oberrath, Peter Schäfer | |
| Verlag: | Richard Boorberg Verlag | |
| Ort: | Stuttgart | |
| Jahr: | 2007 | |
| Seiten: | 114 | |
| Preis: | 12,50 € | |
| ISBN: | 3-415-03814-9 | |
| Internet: | http://www.boorberg.de/ | |
| Rezensent: | Schwarz, Axel | |
| Quelle: | Kuselit Verlag GmbH |
1.
Ausgangslage
Der „Acquis communautaire“, wie die Summe
der europäischen Rechtsakte genannt wird, umfasst alle Rechtsakte, die für die
Mitgliedstaaten der EU verbindlich sind, also
- das
Primärrecht, bestehend aus den Verträgen der Europäischen Union,
- das
Sekundärrecht, bestehend aus Verordnungen, Richtlinien und Entscheidungen der
Organe der EU,
- die
Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes und des Gerichts Erster Instanz,
- Entschließungen
und Erklärungen,
- die
Rechtsakte der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik und der Zusammenarbeit
im Bereich der Justiz und des Inneren sowie
- die
von der EU mit anderen Staaten oder Staatenbünden geschlossenen Verträge und
Abkommen. [1]
Das Gemeinschaftsrecht ist
nicht nur ein Recht sui generis, sondern genießt Vorrang vor dem nationalen
Recht, einschließlich des Verfassungsrechts, der Mitgliedstaaten.[2] Wie viele
Vorschriften es umfasst, ist nicht ganz klar.
Der niederländischer Architekt Rem Koolhaas, der für seine
collagenartigen und labyrinthischen Konzeptionen bekannt ist, produzierte eine
31-bändige Gesamtausgabe des Acquis mit ca. 85.000 Seiten. Wen wundert es, dass
Michael Düro anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des EU-Rechts online meinte,
dass der Umgang damit für wohl mühselig sein müsste.[3] Jährlich dürften etwa
700 Verordnungen, 800 Entscheidungen und 100 Richtlinien hinzukommen.[4] Die
gesamte Materie ist nicht so leicht zu verstehen. Maximilian Herberger[5]
zitiert in diesem Kontext als Kronzeugin die Schweizer Bundeskanzlerin
Annemarie Huber-Hotz mit folgenden Worten:
"Die grösste Herausforderung für die Verständlichkeit unserer Gesetze stellt aber zurzeit zweifellos das EU-Recht dar, …… ich meine, wir sollten die manchmal geradezu groteske Unüberschaubarkeit, Umständlichkeit und Unverständlichkeit der EU-Rechtserlasse nicht einfach als ein Naturgesetz hinnehmen. Als kleines Muster geben ich Ihnen nur einen Titel einer EU-Verordnung, und es ist mir durchaus bewusst, dass ich Ihnen jetzt etwas zumute.
Der Titel lautet:
«Verordnung (EG) Nr. 2592/1999 der Kommission vom 8.
Dezember 1999 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1826/1999 zur Änderung der
Verordnung (EG) Nr. 929/1999 zur Einführung vorläufiger Antidumping- und
Ausgleichszölle auf die Einfuhren von gezüchtetem Atlantischen Lachs mit
Ursprung in Norwegen im Fall bestimmter Ausführer, zur Einführung vorläufiger
Antidumping- und Ausgleichszölle auf die Einfuhren von solchem Lachs im Fall
bestimmter Ausführer, zur Änderung des Beschlusses 97/634/EG zur Annahme von
Verpflichtungsangeboten im Zusammenhang mit dem Antidumping- und dem Antisubventionsverfahren
betreffend die Einfuhren von solchem Lachs und zur Änderung der Verordnung (EG)
Nr. 772/1999 des Rates zur Einführung endgültiger Antidumping- und
Ausgleichszölle auf die Einfuhren von solchem Lachs» [ABl. L 315 vom 9.12.1999,
S. 17]"
Das ist die Ausgangslage, wenn es um die
Vermittlung des Europarechts geht. Daran ändert auch leider der Gemeinsame
Leitfaden[6] nichts, wenn er bestimmt:
„1.1. Ein Rechtsakt muss wie folgt abgefasst sein:
* klar, leicht verständlich, eindeutig;
* einfach, prägnant, ohne überflüssige Elemente;
* genau, so dass dem Leser kein Zweifel bleibt.“
und sich dabei u.a. auch auf
den gesunden Menschenverstand beruft. Die Realität ist weit davon entfernt und
belegt, wie wichtig ein guter Einstieg für den Studierenden in das Europarecht
ist. Um es vorweg zu nehmen: Den Autoren Carsten Doerfert, Jörg-Dieter Oberrath
und Peter Schäfer ist es gelungen, mit ihrem Werk ein überschaubares Kompendium
zu liefern, das nicht nur den effektiven Einstieg in die schwierige Materie und
ein kompaktes Wissen über die gängigen Probleme des Europarechts verschafft,
sondern darüber hinaus auch die Prüfungsschemata vermittelt, mit deren Hilfe
europarechtliche Fragestellungen praxisgerecht und zuverlässig gelöst werden
können.
2.
Inhalt
Der Band „Europarecht“ aus der Reihe
der ABW!R Arbeitsbücher Wirtschaftsrecht der Fachhochschule Bielefeld bietet
auf etwas mehr als nur 100 Seiten eine wohldurchdachte Konzeption, um die
Komplexität des behandelten Stoffes in leicht verständliche Teilstücke zu
zerlegen.
In der Einleitung (Teil A des Buches) wird der Leser auf Sinn
und Zweck des Buches hingewiesen, erhält Hinweise zur Benutzung und auf etwa 4
½ Seiten eine leicht zu bewältigende, allgemeine Anleitung zur juristischen
Fallbearbeitung im Europarecht. Der Studierende erkennt also, welche typischen
Aufgaben und Fragestellungen auf ihn zukommen können und werden und wird auf
die Technik der Falllösung vorbereitet.
Danach (im Teil B) werden die
Rechtsquellen des Europarechts auf phänomenale 22 Seiten komprimiert! Kürzer
dürfte das kaum möglich sein. Der Effizienz-Faktor (gemessen am Verhältnis des
Lernstoffes zum Arbeitsaufwand) dürfte schwerlich zu überbieten sein. Dabei
wird praktisch alles Wichtige und Grundlegende behandelt, von dem
Zustandekommen des primären und sekundären Gemeinschaftsrechts bis hin zu
dessen Wirkung und Verhältnis zum nationalen Recht. Farblich abgesetzte
Übersichten und Fallbeispiele fördern und erleichtern dabei das Verständnis.
Nach Durcharbeiten dieses Teils ist
der Studierende ausreichend gewappnet, um sich (im Teil C) intensiver mit den
Grundfreiheiten sowie den europäischen Grundrechten und
Diskriminierungsverboten zu befassen. Auch hier gibt es zunächst eine
Grundlegung, die die wesentliche Struktur der Prüfung eines europarechtlichen
Falles vermittelt. Auf weniger als 35 Seiten gelingt es sodann den Autoren
darzustellen und einzuüben, wie potentielle Verletzungen der
Warenverkehrsfreiheit, Arbeitnehmerfreizügigkeit, Niederlassungs-,
Dienstleistungs- und Kapitalverkehrsfreiheit, der europäischen Grundrechte und
der Diskriminierungsverbote zu prüfen sind. Jedes Kapitel enthält eine
Einführung und eine Übersicht zum Prüfungsablauf, die dann in einem
Fallbeispiel mit Lösung vertieft wird.
Eine besondere Darstellung erfahren die
wettbewerbsrechtlichen Fragestellungen in Teil D. Auf weniger als 14 Seiten
erhält der Leser eine fundierte Einführung in
- das Verbot wettbewerbsbeschränkender
Vereinbarungen und Verhaltensweisen,
- den Missbrauch einer marktbeherrschenden
Stellung,
- die Untersagung von
Unternehmenszusammenschlüssen und
- das Beihilferecht (einschl. Zulässigkeit
und Rückforderung).
Damit nicht genug: Zu guter
letzt werden (im Teil E) auch noch prozessuale Fragestellungen in der bewährten
Art, mit Einführung, Prüfungsablauf und Übersichten sowie entsprechenden
Fallbeispielen und Lösungen behandelt. Auf etwa 18 Seiten erfährt der Leser
alles grundsätzlich Notwendige zu den Erfolgsaussichten von
Vertragsverletzungsverfahren, Nichtigkeits-, Untätigkeits- und
Schadensersatzklagen sowie zur Durchführung von Vorabentscheidungsverfahren.
Mit den vielen europarechtlichen
Spezialbegriffen wird der Leser nicht allein gelassen. Das Glossar in Teil F erläutert (auf etwa 13
Seiten) alle wesentlichen Begriffe und erlaubt darüber hinaus ein müheloses
Repetieren. Teil G enthält zudem einen „Fallfinder“, der anhand relevanter
Begriffe auf die einschlägigen Fälle mit Lösungen hinweist.
3.
Bewertung
Eine derart kompakte Darstellung, wie das Werk
„Europarecht“ von Carsten Doerfert, Jörg-Dieter Oberrath und Peter Schäfer wird
selten anzutreffen sein. Die Qualität leidet dabei in keiner Weise unter der
Kürze der Darstellung. Im Gegenteil: Gerade der kurze und prägnante Stil machen
das Werk zu einem effizienten Lehrmittel! Natürlich ist man nach dem
Durcharbeiten des Buches noch lange kein Spezialist des Europarechts - das ist
sicherlich auch nicht beabsichtigt -, aber man verfügt über eine solide Basis,
zu einem solchen zu werden. Das Buch kann daher uneingeschränkt nicht nur
- jedem Studenten zur Vorbereitung auf
eine europarechtliche Prüfung, aber auch
- jedem Praktiker anempfohlen werden, der
sich in kürzester Zeit einen fundierten Überblick das aktuelle Europarecht
verschaffen oder einfach seine europarechtlichen Kenntnisse auffrischen möchte.
Alles in allem: Das Werk stellt
sowohl eine hervorragende Leistung der Autoren und des Verlags Boorberg als auch eine lohnende
Anschaffung dar, die ihren (gering gehaltenen) Preis mehrfach wert ist.
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[1] Absatz 1 des Artikels I-33 (Die
Rechtsakte der Union) der zukünftigen europäischen Verfassung1 wird das
begriffliche Gewirr ein wenig ordnen, und definiert als Rechtsakte
- das Europäisches Gesetz (European
laws / la loi européenne)
- das Europäisches Rahmengesetz
(European framework laws / la loi-cadre européenne)
- die Europäische Verordnung
(European regulations / le règlement européen)
- den Europäischen Beschluss
(European decisions / la décision européenne), sowie
Empfehlungen
und Stellungnahmen (recommendations and opinions / les recommandations et les
avis).
bookshop.europa.eu/eubookshop/FileCache/PUBPDF/OA76061362AC/OA76061362AC_002.pdf
eur-lex.europa.eu/en/newsletter/documentation/acces_to_law-de.pdf

