Titel
Dialog schliessen

Bitte warten
Daten werden geladen...

Kuselit Rezensionen

Tobias Fröschle - Studienbuch Betreuungsrecht

Titel: Studienbuch Betreuungsrecht Cover
Autor: Tobias Fröschle
Verlag: Bundesanzeiger Verlag
Ort: Köln
Jahr: 2006
Seiten: 196
Preis: 24,80 €
ISBN: 978-3-89817-557-9
Internet: http://www.bundesanzeiger.de/
Rezensent: Schwarz, Axel
Quelle: Kuselit Verlag GmbH

Um es vorwegzunehmen: Fröschle ist mit diesem Studienbuch ein großer Wurf gelungen, der für Studium, Ausbildung und Praxis seinesgleichen sucht. Es führt in eines der menschlich und fachlich schwierigsten Rechtsgebiete ein.

1. Soziale Dimension

In der Bundesrepublik Deutschland werden mehr als 1 Million Menschen rechtlich betreut.[1] Im Hinblick auf die demographische Entwicklung dürfte die Zahl der betreuten Menschen auch in absehbarer Zukunft ständig zunehmen. Seit 1992 hat sie sich mehr als verdreifacht. Entsprechend steigt der Bedarf nach qualifizierten Betreuern. Überwunden sind die früher üblichen, die betroffenen Menschen diskriminierenden Begriffe der Geisteskrankheit und Geistesschwäche. Voraussetzung zur Betreuerbestellung ist heute eine psychische Krankheit oder eine körperliche, geistige oder seelische Behinderung. Die Prognosen verheißen nichts Gutes. In etwa 10 Jahren werden psychische Krankheiten und körperliche, geistige und seelische Behinderungen die häufigste Todesursache darstellen.

2. Medizinische Dimension

Der Betreuer muss mit Menschen mit ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern umgehen können. Dazu gehören nicht nur Menschen mit psychischen Krankheiten, die körperlich nicht begründbar sind, sondern auch solche mit seelischen Störungen als Folge von Erkrankungen (z.B. Hirnhautentzündungen), Hirnverletzungen, Neurosen (Zwangs­handlungen) und Persönlichkeitsstörungen (Psychopathien) aller Art. Hinzu kommen Menschen mit geistigen Behinderungen, die angeboren oder während der Geburt oder durch frühkindliche Hirnschädigung erworben sein können, sowie Menschen mit den unterschiedlichsten Intelligenzdefekten. Seelische Behinderungen vernarben nicht selten zu bleibenden psychischen Beeinträchtigungen. Die geistigen Auswirkungen des Altersabbaus (z.B. Alzheimerkrankheit und Demenz) tun ihr Übriges. Natürlich können auch körperliche Behinderungen, welche die Fähigkeit zur Besorgung der eigenen Angelegenheiten wesentlich behindern (z.B. bei dauernder Bewegungsunfähigkeit oder Taubblindheit) eine Betreuung erforderlich machen.


3. Juristische Dimension

Um die damit einhergehenden materiell- und verfahrensrechtlichen Fragestellungen sicher zu beherrschen, bedarf es einer wohl fundierten Ausbildung für alle, die als berufliche und private Betreuer, als Angehörige der Justiz, der Betreuungsvereine und der Betreuungsbehörden, als Anwalt oder im Sozialdienst mit den Erscheinungsformen der Betreuung in Berührung kommen. Fröschles Werk gehört ausserdem in die Hand eines jeden, der sich für die politischen Grundsatzfragen der Zukunft interessiert und sich in vertretbarem Zeitrahmen treffsicher und auf hohem Niveau einen präzisen Einblick in die juristische Praxis des bestehenden Systems der Betreuung verschaffen will.

4. Inhalt und Aufbau

Der Aufbau des Studienbuches folgt einem didaktisch durchdachten Plan.

Das Kurzlehrbuch geht in Teil 1 in einer angenehm kurzen Weise auf alle relevanten Fragen ein, die den Betreuer interessieren. Im Kapitel über die Einrichtung der Betreuung geht der Autor nicht nur auf die verschiedenen Betreuungsgründe, die Erforderlichkeit der Betreuung und die bei der Auswahl des Betreuers zu beachtenden Voraussetzungen ebenso wie die Möglichkeiten der Bestellung mehrerer Betreuer ein. Ihm gelingt es darüberhinaus, auf weniger als 5 Seiten, das gerichtliche Verfahren einschließlich der Anhörung und der Begutachtung des Betroffenen, der Anhörungen der Betreuungsbehörde, nahestehender Personen und gesetzlicher Vertreter bei Minderjährig­keit durchaus verständlich darzustellen, und auch auf die formellen und materiellen Voraussetzungen des Eilverfahrens einzugehen, ohne das Verfahren bei der Betreuungs­behörde zu vernachlässigen. Im daran anschließenden Kapitel geht er in der bekannten, alles Überflüssige beiseite lassnden Weise erschöpfend auf die Beendigung der Betreuung ein. Besonders gelingt dem Autor die Darstellung dessen, was ein Betreuer zu tun hat: Im Kapitel „Führung und Betreuung im Allgemeinen“ wird der interessierte Leser kurz und verständlich mit allen einschlägigen Fragen der gesetzlichen Vertretung und Geschäftsfähigkeit des Betreuten vertraut gemacht. Die schwierigen Fragen des Einwilligungsvorbehaltes, dessen Voraussetzungen, Gegenstand, Wirkungen und das zu beachtende Verfahren kommen dabei keineswegs zu kurz. Zusätzlich erfährt man unter der Überschrift „Handlungsmaximen“ alles Wissenswerte über den Umfang der Betreuertätigkeit und die Verwirklichung der Autonomie des Betreuten. Einprägsame Beispiele erleichtern dabei das Lernen der komplizierten Materie und lassen es geradezu zu einem Vergnügen geraten. Der Leser lernt alles Notwendige über die Aufsicht des Vormundschaftsgerichts, außerdem auch wann und unter welchen Umständen der Betreuer Gewalt anwenden darf, welche Haftungsrisiken bestehen und wie sie zu vermeiden sind. Der Autor geht darüberhinaus in der gewohnt frischen, kurzen und durchaus verständlichen Weise im Kapitel V Auf die einzelnen Aufgabenkreise, deren Festlegung und Ausschlüsse, die Vermögensbetreuung, die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs, die Betreuung in Wohnungs- wie in Gesundheitsangelegenheiten, die Bestimmung von Aufenthalt und Umgang sowie die mit der Freiheitsentziehung verbundenen Fragen ein. Das Kapitel VI behandelt die wichtigsten Fragen zu Vergütung und Aufwendungsersatz.

Teil 2 gibt dem Studierenden Gelegenheit, das theoretische Wissen in 20 praktischen Fällen zum Betreuungsrecht mit Lösungen zu überprüfen. Empfehlungen zu weiterführender Literatur und ein Stichwortverzeichnis runden das Werk ab.

5. Zusammenfassung

Das Werk stellt ein fachlich und pädagogisch ausgezeichnetes Studienbuch dar, dem durchaus eine Vorbildfunktion in der juristischen Studienliteratur zu bescheinigen ist. Der juristische Lehrbetrieb kümmert sich normalerweise nur wenig darum, ob und wie der Student den Lehrstoff verstehen, verarbeiten und verinnerlichen kann. Ganz anders Fröschles Studienbuch zum Betreuungsrecht. Es vermittelt die Hoffnung, dass das antiquierte Studium der Jurisprudenz reformfähig ist. Wer sich im Übrigen noch näher mit dem Betreuungsrecht auseinandersetzen möchte, sollte durchaus zu Fröschles „Betreuungsrecht 2005. Systematische Darstellung der Änderungen nach dem 2. Betreuungsrechtsänderungsgesetz“, das ebenfalls im Bundesanzeigerverlag erschienen ist, greifen, das praxisorientiert die geänderten Vorschriften aus dem BGB, dem Gesetz über Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit, dem Betreuungsbehördengesetz und anderen Gesetzen darstellt.

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

[1] Vgl. Deinert, Horst, „Betreuungszahlen 2005: 1,2 Millionen Menschen werden rechtlich betreut“, Betreuungsrechtliche Praxis (BtPrax) 2007, 3 - 4